
Juma Xipaia ist mutige Amazonas-Aktivistin, Mutter und Politikerin. Die neue Doku „Yanuni" zeigt ein intimes Porträt über ihre Mission, ihren Widerstand und darüber, was es bedeutet, für die Heimat alles zu riskieren.
Ganz vorsichtig, ja fast zärtlich schiebt sie ihren traditionellen Federkopfschmuck zurück. Erst jetzt erkennt man ihr Gesicht. Ein Blick in die Kamera. Minutenlang. Sie atmet, sagt kein Wort, und dennoch spürt man Juma Xipaias unbändige Kraft. So leise beginnt die außergewöhnliche Dokumentation „Yanuni“.
Der österreichische Filmemacher Richard Ladkani, der schon Jane Goodall mit seiner Kamera porträtiert hat, begleitete die Amazonas-Aktivistin und ihren Mann Hugo Loss, einen Spezialermittler der Umweltbehörde, fünf Jahre lang bei ihrem aufwühlenden und mitunter gefährlichen Alltag. Dabei mischt er faszinierende Landschaftsaufnahmen mit intimen Momenten. Es wird politisch, emotional und persönlich. Ladkani begegnete Juma erstmals 2020. Eine Journalistin vermittelte den Kontakt: „Bei einem Skype-Call merkte ich, wie extrem sie berühren kann.“
ROLE MODEL. Schon als Kind spürte die heute 34-Jährige, dass sie sich dem Kampf für die Rechte der indigenen Bevölkerung im brasilianischen Amazonasgebiet widmen muss. „Das bedeutet mir alles. Ich würde für mein Volk sterben, und ich weiß, mein Leben wird immer ein Kampf bleiben“, sagt sie uns.
Über Jumas Herkunft ist nicht viel bekannt, sie möchte ihre Familie schützen. Woher ihre Stärke kommt, kann sie dennoch erklären: „Alles, was ich heute bin, habe ich meiner Mutter, meinen Tanten und meiner Großmutter zu verdanken. Sie sind meine Vorbilder. Der Kampfgeist und die Entschlossenheit, die ich habe, stammen von ihnen. Sie sind und waren meine Inspiration und mein Mut.“ Kapitalismus war in Jumas Welt immer fremd, es zählten nur der Austausch, die Gemeinschaft und vor allem Respekt und Fürsorge: „Geld ist und war für uns nicht gleichbedeutend mit Lebensqualität. Meine Vorfahren hinterließen den Wald, überliefertes Wissen, lebendige Kultur und eine pestizidfreie Ernährungssicherheit. Das war und ist unser Reichtum, den wir behalten möchten.“
Nach ihrer Schulzeit verließ die junge Frau ihr Dorf, um Medizin und Jus zu studieren. Sie entwickelte ein noch größeres Verständnis für die politischen und rechtlichen Probleme indigener Gemeinschaften. Mit nur 24 Jahren wurde die heute zweifache Mutter schließlich zur ersten weiblichen Anführerin im Gebiet des Mittleren Xingu gewählt. Ihre konsequente Verteidigung des Landes verschaffte ihr nicht nur Rückhalt. Die Widerstandskämpferin überlebte sechs Mordanschläge von kriminellen Organisationen und ist permanenter Bedrohung ausgesetzt, während sie sich bei Demonstrationen und Veranstaltungen illegalem Bergbau, Abholzung und politischen Interessen entgegenstellt. In unserem Gespräch sagt sie: „Ich kämpfe weiter, weil ich mir Sorgen um die Zukunft mache. Ich möchte, dass meine Kinder, die in einem bewachten Schutzhaus leben, in einer sichereren, besseren und menschlicheren Welt aufwachsen.“ Dieser Weg habe aber auch seinen Preis: Einsamkeit. „Führen, Widerstand leisten und beschützen bedeutet oft, an vorderster Front zu stehen, schwierige Entscheidungen zu treffen und Schmerzen zu tragen, die nicht immer geteilt oder verstanden
werden können.“ Ihr Engagement wurde 2023 endlich auch in politisch hohen Kreisen gehört: Als in Brasilien das erste Ministerium für indigene Bevölkerung gegründet wurde, ernannte man Juma zur Staatssekretärin.
WIDERSTAND. Heute spricht die mutige Aktivistin weltweit bei Events, macht auf ihr Volk und die Probleme aufmerksam. Auf ihren Reisen betritt sie dabei eine fremde Welt: Festivals, Premieren, Medieninteresse. Dass sich Juma Xipaia sogar für Mode- und Lifestyle-Magazine – darunter ELLE – ablichten ließ, ist für sie kein Widerspruch, denn diese Bilder seien mehr als Inszenierung. Sie sind Teil einer neuen Sichtbarkeit indigener Frauen: stark, modern, politisch. Juma nutzt diese Plattformen bewusst, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und stereotype Bilder aufzubrechen. Mode wird bei ihr zur Bühne für Aktivismus.
Mit der Zeit habe sie durch die häufige Abwesenheit von ihrer Familie auch gelernt, dass sich ihre Präsenz nicht nur an der Zeit misst, die sie mit ihren Liebsten verbringe, sondern daran, was sie erschaffe: „Ich ebne Wege. Ich säe Mut, Würde und eine Zukunft. Selbst wenn ich nicht in ihrer Nähe bin, begleiten sie mich bei jeder Entscheidung, bei jedem Wort, in jedem Kampf.“ Aber natürlich quälen sie auch Zweifel: „Ich frage mich oft, wie meine Kinder mich in Zukunft sehen werden. Ob sie meine Abwesenheit in wichtigen Momenten ihres Lebens tatsächlich verstehen.“ Dennoch wollte sie nie zwischen Familie und Widerstand wählen: „Das ist für meinen Mann und mich eins. Widerstand ist auch Fürsorge. Kämpfen ist auch Liebe. Trotz allem weiterzumachen, ist für uns der nachhaltigste Weg, unsere Lieben zu schützen, selbst wenn es ein Kampf gegen das millionenschwere Goldminensystem im Amazonasgebiet ist.“ Bleibt noch die Frage nach der Bedeutung des Filmtitels „Yanuni“. Juma lächelt: „Meine Tochter, die am Ende der Dreharbeiten zur Welt gekommen ist, heißt so. Ihr Name bedeutet Sieg.“
Info
BEWEGENDER LEBENSWEG Juma Xipaias (ganz oben) Leben wurde im beeindruckenden Dokumentarfilm „Yanuni" dargestellt. Der österreichische Filmemacher Richard Ladkani begleitete die Anführerin eines indigenen Volkes im Amazonas dafür fünf Jahre lang bei ihrem Aufstieg von der Aktivistin bis zur politischen Entscheidungsträgerin. Auch Jumas Mann Hugo Loss (o.) lebt gefährlich. Er kämpft im Amazonas gegen organisierte Kriminalität. Produziert wurde das Projekt u. a. von Leonardo DiCaprio, auf Festivals weltweit erhielt der Film bereits über 20 Auszeichnungen.