Kunst, die gut tut: Kann Kultur heilen?

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DIE ERDKUGEL ALS KOFFER. Österreichischer Skulpturenpark: Künstler Peter Weibel führt uns an die Grenzen der Wahrnehmung.

©Museum Joanneum / Birgit Bauernfeind

Ob (Freilicht-)Museum, Ballett, Literatur oder Konzert: Kunst berührt uns - und das innerhalb kurzer Zeit. Wird Kulturgenuss auf Rezept bald zum Standard?

Ob Street-Art im Vorbeigehen, ein Museumsbesuch am Wochenende, ein Bild im Krankenzimmer, ein Klick auf Plattformen wie kulturpool.at, wo mehr als zwei Millionen österreichische Kunstschätze aus Museen, Bibliotheken und Archiven bestaunt werden können, oder ein kurzes Scrollen durch internationale Kunstwerke auf Google Arts & Culture – der bloße Anblick eines Kunstwerks kann die Belohnungsbereiche im Gehirn aktivieren und tut uns spürbar gut. Je regelmäßiger und öfter wir uns darauf einlassen, desto besser.

So vielfältig wirkt Kunst

Bislang galt vor allem das aktive Kunstschaffen als hilfreiche Ressource für die mentale Gesundheit. Was passives Betrachten mit uns macht, war bis dato wenig erforscht. Das Team um Prof. Dr. Matthew Pelowski, Experte für Wahrnehmung von Kunst und Emotionen am Institut für Psychologie der Kognition, Emotion und Methoden an der Universität Wien, sichtete für eine MetaStudie 4.000 wissenschaftliche Arbeiten sowie 38 internationale Studien mit insgesamt 6.805 Teilnehmenden aus den Jahren 2000 bis 2023, um sowohl die Wirkung als auch die zugrunde liegenden Mechanismen des Kunstkonsums zu verstehen.

Geforscht wurde in einer Vielzahl von Settings, darunter Museumskontexte, klinische Räume, Laborumgebungen sowie Online- und digital unterstützte Betrachtungsformen. „Wir haben mittlerweile überzeugende Belege dafür, dass Kunst viele positive Auswirkungen auf unser Wohlbefinden haben kann“, bestätigt Pelowski. Kunst wirkt auf mehreren Ebenen zugleich – und genau darin liegt ihre besondere Stärke. Sie spricht Emotionen, kognitive Prozesse, das Gemeinschaftsgefühl und unser Selbstverständnis an.

Zugleich löst sie unmittelbar positive neurobiologische Reaktionen aus: Die Ausschüttung von Serotonin und Dopamin wird gefördert, während der Cortisolspiegel sinkt. Plus: „Kunst kann uns auch einen Anlass bieten, uns körperlich zu betätigen, das Haus zu verlassen oder andere Menschen zu treffen“, so Pelowski. Eine der besonderen Stärken der Künste sieht er darin, „Situationen zu schaffen, in denen wir uns selbst reflektieren, darüber nachdenken, wie wir die Welt wahrnehmen, und uns möglicherweise sogar als Menschen verändern und weiterentwickeln können“.

Fünf Wirkmechanismen identifiziert

Am intensivsten wirkt Kunst, wo sie affektive Prozesse fördert, also kurze, intensive Gefühlsregungen. Sie kann uns erfreuen, beruhigen oder inspirieren und unterstützt so die Emotionsregulation. Beschäftigen wir uns mit Gemälden, Fotografien oder Installationen, können positive Emotionen ausgelöst, körperliche Stressmarker reduziert oder sogar ganz abgebaut werden. Dabei reicht die Skala vom einfachen Vergnügen bis hin zu tiefgehenden Gefühlen wie Ehrfurcht oder Ergriffenheit. Kunst stärkt aber auch kognitive Prozesse, wie Aufmerksamkeit, Erinnerung, Lernen und Neugier. Vor allem durch die Rückkehr zu längst vergangenen Ereignissen könne für ältere Menschen oder Personen mit Demenz das Betrachten von Kunst identitätsstärkend wirken. Beim gemeinsamen Kunstkonsum entfaltet sich ihre soziale Wirkung: Nähe und Verbundenheit werden gestärkt, Isolation verringert und intensive Gespräche angeregt, die lange nachwirken.

Am deutlichsten waren jedoch die positiven Effekte in Bezug auf das eudämonische Wohlbefinden – das tiefe, langfristige Gefühl von Lebenssinn, Erfüllung und persönlicher Entfaltung. Experte Pelowski ist sich daher sicher: „Ich würde definitiv sagen, dass Kunstbetrachtung uns helfen kann, Burnout zu vermeiden.“ Außerdem stärkt Kunst die Resilienz, indem sie in belastenden Situationen hilft, Kraft zu schöpfen. Pelowski: „Der wichtigste Prädiktor für das Wohlbefinden besteht darin, dass Menschen sagen, dass ihre Kunst- oder Kulturerfahrung für sie persönlich bedeutsam und wichtig ist.“ Er betont: Es gibt keinen „richtigen“ Weg der Kunstrezeption. Entscheidend sei, Kunstarten und Zugänge zu finden, die für einen selbst Bedeutung haben.

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Kunstbetrachtung kann uns helfen, Burnout zu vermeiden.

Assoz.-Prof. Dr. Matthew Pelowski PHD
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Allein ins Museum?

Die positive Wirkung von Kunst entfaltet sich übrigens auch ohne Begleitung. „Wir müssen nicht mit anderen sprechen oder zusammen sein, um bedeutende Kunsterfahrungen zu machen. Neben sozialen Erlebnissen sind es oft gerade die persönlichen, introspektiven Momente, die besonders tief berühren. Sich Zeit zu nehmen, allein mit einem Kunstwerk zu sein, kann sehr bereichernd sein und den Alltag auf wertvolle Weise ergänzen“, sagt Pelowski. Und wie häufig sollte man sich mit Kunst beschäftigen, damit sich langfristig positive Effekte einstellen? „Das Spannende an Kunst ist, dass sie schrittweise wirken kann. Jede noch so kleine künstlerische Tätigkeit oder Begegnung mit Kunst kann positiv wirken – selbst wenn sie nur kurz dauert. Diese Effekte können sich mit der Zeit summieren. Schon eine kurze Interaktion mit Kunst kann uns helfen, uns im Moment besser zu fühlen. Und diese Möglichkeit steht uns jederzeit offen“, sagt der Experte.

Museumstickets, ärztlich verordnet

Der europaweite Trend des „Social Prescribing“ – die Verschreibung von Kunst- und Kulturangeboten als Ergänzung zu klassischen medizinischen Behandlungen – wird in Vorarlberg seit Kurzem mit dem Pilotprojekt „Museum auf Rezept“ umgesetzt. Initiiert vom Vorarlberg Museum und der Ärztekammer Vorarlberg, setzt das von Kuratorin Mag. Kathrin Dünser realisierte Projekt Kunst gezielt zur Förderung des Wohlbefindens ein. Dafür wurden 1.000 kostenlose Museumstickets an 30 Arztpraxen verteilt, darunter Allgemeinmediziner, Betriebsärzte, Gynäkologen und Augenärzte. Davon profitieren sollen insbesondere Menschen mit leichten Depressionen, beginnender Demenz, chronischen Erkrankungen oder sozialer Isolation. Letztere sei, so Dünser, ein enorm großes gesellschaftliches Problem und eines der drängendsten Themen unserer Zeit – und genau hier könnten Museumsbesuche unmittelbar helfen. Gegen Einsamkeit setzt das Museum seit diesem Frühjahr auch auf die „Ghörige Stuba“. In dem gemütlichen Raum mit Wohnzimmeratmosphäre finden Singrunden und Spielenachmittage statt.

Das Angebot werde besonders von Menschen, die allein ins Museum kommen, sehr gut angenommen, berichtet Dünser. Seit Dezember wurden bereits 900 Museumstickets ärztlich „verschrieben“. Das Projekt stößt österreichweit auf großes Interesse und könnte in der Gesundheitsversorgung schon bald stärker verankert werden. Für Museen eröffnet sich damit eine neue Chance: Sie sind nicht nur Ausstellungsorte, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlbefinden und zur sozialen Resilienz. Diese Sicht teilt Mag. Peter Fritz, Direktor des Salzburger Freilichtmuseums.

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INITIATIVE. Kathrin Dünser ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und leitet das Projekt „Museum auf Rezept“ im Vorarlberg Museum.

 © Sarah Mistura

Auf dem weitläufigen Gelände mit rund 100 historischen Bauernhöfen, Werkstätten und Wirtschaftsgebäuden beschäftigt er sich intensiv mit der Bedeutung von Natur und Kultur für die Gesundheit. Wer das Salzburger Freilichtmuseum auf seinen Wander- und Spazierwegen erkundet, legt dabei bis zu sieben Kilometer zurück. Doch unabhängig davon, wie und wo wir Kunst und Kultur begegnen: Jeder Kontakt zählt. Entscheidend sei, so Pelowski, „immer wieder kurze Momente zu finden, in denen wir innehalten, die Welt der Kunst um uns bewusst wahrnehmen und uns Zeit zum Nachdenken und Fühlen nehmen“. Möglichkeiten dafür gibt es in Österreich mehr als genug – das kulturelle Angebot ist so vielfältig wie bunt.