Und ewig bleibt Coco: So entsteht ein Chanel-Duft

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Wie entsteht ein Duft, der gleichzeitig vertraut und überraschend wirkt? In Paris sprechen wir mit Chanel-Parfümeur Olivier Polge über Inspiration, kreative Freiheit und die besondere Kraft olfaktorischer Erinnerungen.

Coco Mademoiselle Crush Absolu is more than a fragrance, it is a magnetic force, an impulse.“ Der Teaser zum neuen Chanel-Duft macht neugierig. Mit seiner neuesten Kreation wollte Olivier Polge genau dieses Spannungsfeld einfangen: die vertraute Eleganz einer Ikone, neu interpretiert: intensiv und doch von jener französischen Leichtigkeit geprägt, die „Coco Mademoiselle“ seit jeher auszeichnet. Monate vor dem offiziellen Launch dürfen wir den Duft auf Einladung von Chanel in Paris testen. Der erste Eindruck: Fruchtige Akzente treffen auf warme, holzige, ambrierte Facetten. Grapefruit, Litschi, Rose, Jasmin, Vetiver, Vanille und Patchouli verschmelzen zu einer modernen, sinnlichen Komposition. Welche Idee hinter dieser Neuinterpretation des ikonischen Klassikers steckt, verrät uns der Parfümeur der Maison im anschließenden Gespräch. Denn für Olivier Polge ist Parfum weit mehr als die Summe einzelner Duftnoten – es geht um Emotionen, Erinnerungen und die Suche nach dem perfekten Gleichgewicht.

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OLIVIER POLGE, Parfümeur

 © CHANEL, Stocksy
WOMAN: 

Monsieur Polge, mit „Coco Mademoiselle Crush Absolu“ interpretieren Sie eine echte Duftikone neu. War von Anfang an klar, dass Ihre Kreation intensiver und sinnlicher werden sollte?

Olivier Polge: 

Ja, Ausgangspunkt war die sinnliche Seite von „Coco Mademoiselle“. Während der Entwicklung wurde immer deutlicher, dass die eigentliche Identität dieses neuen Dufts in seiner warmen, ambrierten und holzigen Facette liegt. Gleichzeitig wollte ich diese Spannung erhalten – jene zwischen pudrigen, trockenen und fruchtigen Noten. Genau daraus entsteht sein Charakter.

WOMAN: 

Was macht den Duft für Sie aus?

Olivier Polge: 

Bei mir geht es meist um Kontraste. Hier treffen Wärme und Frische, Weichheit und Tiefe aufeinander. Grapefruit und Litschi verleihen dem Duft Leuchtkraft, während Patchouli, Vanille und die ambrierten Noten eine intensive Sinnlichkeit geben. Die floralen Facetten verbinden alles miteinander, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

WOMAN: 

Wie viel Freiheit haben Sie als Parfümeur eigentlich? Schließlich gibt es eine lange Geschichte und starke Duftikonen bei einer Maison wie Chanel.

Olivier Polge: 

Für mich ist das eher eine Chance als eine Einschränkung. Chanel besitzt Düfte mit einer sehr klaren Identität – „No. 5“, „Coco Mademoiselle“ oder „Chance“. Dieses Erbe ist inspirierend. Man weiß, woher man kommt, und kann dennoch eine neue Geschichte erzählen.

WOMAN: 

Sie treten in die Fußstapfen großer Parfümeure. Spüren Sie dabei manchmal Ehrfurcht?

Olivier Polge: 

Natürlich beschäftigt man sich mit der Geschichte. Als ich zu Chanel kam, wollte ich verstehen, wie früher über Parfum gesprochen wurde. Mein Vater gehörte zu den ersten Parfümeuren, die überhaupt eine Sprache dafür gefunden haben. Dieses Erbe empfinde ich aber nicht als Belastung, sondern als Inspiration. Die Identität der großen Düfte der Maison ist so stark, dass sie Raum lässt, neue Facetten zu entwickeln.

WOMAN: 

Und wann wissen Sie, dass ein Parfum fertig ist?

Olivier Polge: 

Das dauert meist lange – oft mehr als ein Jahr. Ein Duft muss gelebt werden. Man trägt ihn über Wochen, manchmal über Monate. Irgendwann merkt man instinktiv, dass nichts mehr fehlt. Dieses Gefühl lässt sich schwer erklären.

WOMAN: 

Testen Sie neue Düfte eigentlich selbst?

Olivier Polge: 

Zunächst arbeite ich mit Duftstreifen. Später trage ich den Duft auf der Haut. Und wenn eine Komposition wirklich interessant wird, lasse ich sie auch Familie oder Kolleginnen und Kollegen tragen. Man erlebt einen Duft ganz anders, wenn man ihm unerwartet bei einem anderen Menschen begegnet.

WOMAN: 

Haben Sie eigentlich ein Wunschszenario, wie Ihre Kreationen entdeckt werden sollten?

Olivier Polge: 

Ehrlich gesagt habe ich mir diese Frage noch nie gestellt. Ich hoffe, Frauen begegnen dem Duft ganz ungeplant, denn genau so entstehen oft die besten Erinnerungen. Die schönste Art für mich, einen Duft zu entdecken, ist eigentlich über einen anderen Menschen – auf dessen Haut. Aber auch Magazinproben oder das Ausprobieren im Geschäft können unvergessliche Momente schaffen.

WOMAN: 

Gibt es einen Inhaltsstoff, zu dem Sie immer wieder zurückkehren?

Olivier Polge: 

Ich liebe Iris. Oft nimmt man sie gar nicht bewusst wahr, aber sie verändert die Textur eines Parfums enorm. Sie ist vielleicht nicht die auffälligste Note, aber sie verleiht einem Duft Charakter und Tiefe.

WOMAN: 

Stichwort: PerfumeTok. Exquisite Parfums erleben gerade in den sozialen Medien einen regelrechten Boom. Warum, glauben Sie, fasziniert das Handwerk heute wieder so viele Menschen?

Olivier Polge: 

Ich freue mich darüber sehr. Düfte haben eine starke emotionale Kraft. Sie gehören genauso zu unserer Persönlichkeit wie Kleidung beziehungsweise die Sprache. Das Parfum, das wir tragen, erzählt immer auch etwas über uns.

WOMAN: 

Düfte können uns innerhalb von Sekunden an einen bestimmten Ort, ein Erlebnis oder einen Menschen erinnern. Erleben Sie diese Kraft selbst auch noch – obwohl Parfum Ihr Beruf ist?

Olivier Polge: 

Absolut. Genau das fasziniert mich an Parfum. Es kann Erinnerungen hervorrufen, die jahrelang verborgen waren. Ein Duft begleitet uns oft durch bestimmte Lebensphasen – und plötzlich ist dieses Gefühl wieder da. Das ist etwas ganz Besonderes.

Über die Autor:innen

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Michaela Strachwitz

Chefredakteurin für Mode, Beauty & Lifestyle

Michaela ist seit 2024 Chefredakteurin bei WOMAN für die Themen Mode, Beauty & Lifestyle. Davor war sie 8 Jahre lang stellvertretende Chefredakteurin und 9 Jahre Chefin vom Dienst.