
Erschöpfung, Schlafprobleme, Infekte: Oft behandeln wir jedes Symptom wie eine isolierte Störung. Ärztin Ruth Biallowons schlägt einen neuen Blick auf unsere Gesundheit vor: Was unser Körper zur Selbstheilung braucht.
Es war ausgerechnet ein freier Morgen. Ruth Biallowons wollte zum Yoga, endlich „etwas für sich tun“. Doch als sie ins Badezimmer ging und in den Spiegel blickte, bewegte sich die rechte Hälfte ihres Gesichts nicht mehr. Als Ärztin kannte sie die möglichen Ursachen – und dachte sofort an die schlimmste: Hirntumor! Und sie bekam Schuldgefühle: zu viel Arbeit in den vergangenen Jahren, kaum zu Hause, stets gehetzt. Ein Alltag, in dem alles Platz hatte – nur keine Erholung. Es war kein Tumor. Die Gesichtslähmung, schreibt Biallowons in ihrem neuen Buch „Körperweisheit“ (erschienen bei Kneipp), sei eine Folge chronischer Überlastung gewesen. Ein drastisches Signal, nachdem leisere offenbar nicht angekommen waren.
Diese Erfahrung veränderte ihren Blick auf die Medizin. Biallowons erkannte in der Arbeit mit ihren Patient:innen immer mehr, dass die klassische Medizin oft einfach die Schablonen der Akutmedizin anwendet: „Das greift aber viel zu kurz“, sagt sie. Denn chronische Erkrankungen entstehen nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch ein langfristiges Zusammenspiel von Belastungen, Anpassungen und schleichender Dysregulation. Sie entwickeln sich oft über Jahre, bleiben lange unbemerkt – es sei denn, der Körper schreit irgendwann so laut, dass wir ihn nicht mehr überhören können: „Wie bei mir und meiner Gesichtslähmung.“
