
Zu verstehen, warum sich Tumorzellen ausbreiten, ist entscheidend – vor allem für Brustkrebspatient:innen. An der Med Uni Wien wird genau daran geforscht. Die Wissenschaftlerin Juliane Winkler setzt mit ihrem Team auf KI und moderne Bildgebung, um Metastasen frühzeitig zu identifizieren.
Brustkrebs ist heute nicht mehr nur eine Diagnose, sondern ein Forschungsfeld, in dem sich gerade viel verändert. Neue Therapien werden gezielter, Tumoren immer genauer analysiert und Behandlungskonzepte zunehmend individuell zugeschnitten. Was früher oft nach dem Prinzip „eine Therapie für alle“ funktionierte, wird immer differenzierter: Forscher:innen suchen nach den entscheidenden molekularen Merkmalen eines Tumors, nach besseren Methoden zur Früherkennung und nach Wegen, Rückfälle möglichst zuverlässig zu verhindern.
Eine zentrale Rolle beim Brustkrebs spielt, wie bei den meisten Krebsarten, die Ausbreitung von Metastasen. Und genau hier setzt die Wissenschaftlerin Juliane Winkler an. Die 41-Jährige leitet ein Team am Zentrum für Krebsforschung an der Medizinischen Universität Wien, das Grundlagenforschung auf diesem Gebiet betreibt. Der Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds (WWTF) fördert das Projekt, es befindet sich aktuell im dritten Funding-Jahr. Ziel ist es, die Ausbreitung und Entstehung von Metastasen bei Brustkrebs besser zu verstehen. „Wir sind in der Medizin heute schon relativ gut darin, den Primärtumor in Schach zu halten. Sobald allerdings Metastasen da sind, ist die Verlaufsprognose noch immer schlecht“, erklärt Winkler. „Wir wissen noch immer nicht, was da genau passiert.“ Mithilfe von künstlicher Intelligenz und Bildanalyse wollen die Forscher:innen rund um Winkler daher zu neuen Erkenntnissen kommen. „KI macht das ganze Projekt überhaupt möglich“, sagt die Wissenschaftlerin. Es gebe zwar bereits verschiedene Kategorien an Daten und Informationen, aber erst mithilfe von künstlicher Intelligenz könne man diese nun zusammenführen und übergreifend auswerten. Hinter dem Projekt steht eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Spezialist:innen aus unterschiedlichen Bereichen: Tumorbiologie, Computerbiologie und klinische Pathologie.


Juliane Winkler: Die 41-jährige Deutsche leitet ein Team an der Med Uni Wien, das zu Metastasen forscht.
© Medizinische Universität Wien/feelimageWOMAN EMPFIEHLT
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Analyse von krankem sowie gesundem Gewebe
Wie man sich den komplexen Ablauf konkret vorstellen kann? „Wir sammeln Gewebe von primären Tumoren, im Falle von Brustkrebs sind das Tumoren in der Brust, und den daraus hervorgegangenen Metastasen, also gestreuten Tumoren in anderen Organen, von derselben Patientin“, erklärt Winkler. Solche Proben zusammenzutragen, sei grundsätzlich extrem schwierig, da Metastasen oft viele Jahre nach der Erstdiagnose auftreten. „Aber nur so sind direkte Vergleiche möglich, um herauszufinden, wie sich die Tumorzellen während des Prozesses der Metastasierung verändern.“Die Gewebeproben werden dann zusammen mit experimentellen Metastasen-Modellen und neuartigen Bildgebungsverfahren analysiert. Dabei schauen sich Winkler und ihr Team nicht nur die krebsbefallenen, sondern auch die umliegenden gesunden Zellen an.
Da im Rahmen des Projekts wie erwähnt Grundlagenforschung betrieben wird, landen die Ergebnisse nicht unmittelbar in einer Behandlung bei den Patient:innen. „Insgesamt tragen wir aber dazu bei, dass der Metastasierungsprozess besser verstanden wird und computergesteuerte Workflows etabliert werden, um die Diagnose und Therapie von Krebspatient:innen in der Zukunft zu verbessern“, erläutert Winkler.
Und konkrete Erkenntnisse gab es durchaus schon: „Wir haben herausgefunden, dass in sehr einfachen Bildern des Tumors, die nur das Aussehen der Tumorzellen und anderer Zellen im Gewebe beschreiben – wie zum Beispiel Form oder Größe – schon Hinweise versteckt sind, ob er metastasieren kann“, verrät die Wissenschaftlerin. Diese Entdeckung sei für das Team überraschend gewesen. „Wir versuchen nun herauszufinden, wie man diese Informationen zum Beispiel für eine verbesserte Diagnostik nutzen könnte.“
Die Diagnostik muss die Basis für eine Behandlung schaffen, die das Risiko für Metastasen möglichst gering hält.
Dingen nachhaltig auf den Grund gehen
Wie entscheidend solche wissenschaftlichen Erkenntnisse sind, beweist ein Blick auf Statistiken. Die relative 5-Jahres-Überlebensrate bei Brustkrebs liegt laut Winkler derzeit bei fast 90 Prozent. Das heißt, dass Patient:innen im Vergleich zu Menschen ohne Krebs nach fünf Jahren eine 90-prozentige Wahrscheinlichkeit haben, noch zu leben. Es kommt aber auf das Stadium bei der Diagnose an. „Metastasierter Brustkrebs gilt in der Regel als nicht mehr heilbar“, sagt die Forscherin. Allerdings: Moderne Therapien können die Erkrankung heute oft über Jahre kontrollieren und die Lebensqualität erhalten. „Je besser man versteht, welche Tumorzellen überhaupt streuen können, wann im Krankheitsverlauf das passiert und was sie in einem fremden Organ zum Anwachsen bringt, desto gezielter lassen sich Therapien entwickeln, die genau das verhindern können“, betont Winkler und ergänzt: „Bei Brustkrebs sind die häufigsten Zielorte von Metastasen die Knochen, gefolgt von Lunge, Leber und Gehirn, seltener auch die Haut.
Zu den größten Risikofaktoren für Brustkrebs zählen neben genetischer Veranlagung unter anderem Rauchen, Alkoholkonsum, das jeweilige Alter, dichtes Brustdrüsengewebe sowie eine frühe erste Regelblutung oder späte Menopause. Auch eine Hormonersatztherapie, der Zeitpunkt der ersten Schwangerschaft und Übergewicht können den Ausschlag geben.
Den Willen, Dingen auf den Grund zu gehen, hat die Wissenschaftlerin schon früh im Leben verspürt. „Ich wollte schon immer in die Forschung, weil ich gerne in die Tiefe bohre.“ Bis sie in ihrem heutigen Job gelandet ist, hat Winklers Karriereweg aber dennoch ein paar Kurven genommen. Zuerst studierte sie nämlich Pharmazie und arbeitete in einer Apotheke. Dort kam sie dann bereits in Kontakt mit Krebspatient:innen. Und letztlich führte sie – nach einem sechsjährigen Aufenthalt in den USA – ein Doktorat an der Universität Heidelberg zu ihrer heutigen Forschung. Der verbreiteten Tendenz des sukzessive abnehmenden Frauenanteils mit steigender Karrierestufe zum Trotz wird Winklers Forschung heute international beachtet. Wichtig ist ihr ein gesamtheitlicher Blick auf die Betroffenen. Krebserkrankungen sollten ihr zufolge nicht isoliert betrachtet werden. „Eine Tumorerkrankung betrifft den ganzen Menschen, den gesamten Körper.“ Daher sei es wichtig, die individuellen Patient:innen zu sehen und nicht alle nach dem gleichen Schema F zu behandeln.
Brustkrebsmonat
Der Oktober ist international dem Thema Brustkrebs gewidmet. Unter dem Label „Breast Cancer Awareness Month“ und mit dem Symbol der rosa Schleife soll Aufmerksamkeit geschaffen und auf die Wichtigkeit von Vorsorge hingewiesen werden. Neben Früherkennung stehen auch neue Behandlungsmethoden im Fokus.






