„Musik befreit mich von allem“: Stardirigentin Joana Mallwitz im Interview

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IMMER IM TAKT. Joana Mallwitz zählt international zu den herausragendsten Dirigent:innen ihrer Generation. Große Erfolge feierte sie an der Metropolitan Opera New York, der Bayerischen Staatsoper, am Royal Opera House in Covent Garden, der Königlichen Oper Kopenhagen und bei den Salzburger Festspielen.

Stardirigentin Joana Mallwitz verschmilzt auf der Bühne mit der Musik. Im August ist sie bei den Salzburger Festspielen zu erleben. Wir haben die Ausnahmekünstlerin zum Gespräch getroffen.

Wenn Joana Mallwitz den Taktstock hebt, geschieht etwas, das man kaum in Worte fassen kann: Musik wird nicht nur hörbar, sondern sichtbar. Ihre Bewegungen sind fließend, ihre Energie sprüht auf alles rundherum über, und in jedem Einsatz liegt eine geradezu spielerische Leichtigkeit. Die 39-Jährige gehört zu einer neuen Generation von Dirigent:innen, die nicht nur interpretieren, sondern vermitteln – zwischen Partitur und Publikum, zwischen Tradition und Moderne. Auch bei den Salzburger Festspielen wird die Mutter eines vierjährigen Sohnes erneut ihr einzigartiges Talent unter Beweis stellen und im August im Großen Festspielhaus Mozarts Oper „Cosi fan tutte“ bei sechs Vorstellungen dirigieren: „Das ist natürlich etwas ganz, ganz Besonderes. Die besten Orchester und die interessantesten Künstler:innen sind an diesem magischen Ort versammelt“, freut sich die Musikerin auf ihren Einsatz.

Mallwitz’ Erfolgsweg liest sich wie eine Bilderbuchkarriere. Mit gerade einmal 27 Jahren wurde sie Generalmusikdirektorin in Erfurt – eine Sensation in der Opernlandschaft. Seit 2023 ist sie Chefdirigentin und künstlerische Leiterin des Konzerthausorchesters Berlin. Ihr Credo: „Ich glaube nicht, dass man Musik erklären muss, aber man kann durch sie Türen öffnen.“ Ein Gespräch über Leidenschaft, Intuition und ihren besten Kritiker.

WOMAN

Sie faszinieren am Pult durch Ihre intensive Körpersprache. Wie bewusst steuern Sie jede Bewegung?

Joana Mallwitz

Tatsächlich überhaupt nicht. Wenn Sie mich nach einem Konzert ansprechen oder mittendrin unterbrechen und fragen, was meine Arme oder Beine gerade gemacht haben, könnte ich Ihnen das nicht beantworten. Das passiert instinktiv. Wie bei guten Sportler:innen oder jedem, der irgendetwas intensiv betreibt. Dirigieren ist eine Arbeit, die vor allem im Kopf und im Herzen abläuft.

WOMAN

Ist Dirigieren mehr Know-how oder Begabung?

Joana Mallwitz

Ein gewisses Talent gehört sicher dazu. Man muss eine gute Musikerin sein, gute Ohren und die Fähigkeit haben, Musik lesen und daraus dann eine individuelle Dirigiertechnik entwickeln zu können. Darüber hinaus lernt man sein Leben lang neue Stücke oder studiert Partituren. Das Repertoire ist unbegrenzt für uns Dirigent:innen.

WOMAN

Ihre Eltern hatten keinen musikalischen Hintergrund. Wie ist die Musik trotzdem so zentral in Ihrem Leben geworden?

Joana Mallwitz

Mein Vater arbeitet mit Kindern mit geistiger und körperlicher Beeinträchtigung, meine Mutter ist Sozialpädagogin. Musik hat dennoch eine Rolle gespielt. Das Klavier stand immer zu Hause, und meine Mutter hat mir das Spielen beigebracht. Irgendwann bin ich zur Musikschule gegangen. Meine Eltern haben mich dann immer zum Klavierunterricht fahren und zu Konzerten oder Wettbewerben begleiten müssen. Sie haben mich sehr unterstützt. Das Allerwichtigste hat mir meine Mutter mitgegeben: dass Musik eine Sprache ist, die man lernt und für die man sich begeistern kann.

WOMAN

Ihr Sohn ist vier. Wie bekommt er diese Leidenschaft vermittelt?

Joana Mallwitz

Er kommt ja gar nicht drumherum, dass wahnsinnig viel Musik in unserem Leben ist. Und er kommt auch oft mit an die Orte, an denen mein Mann (Tenor Simon Bode, Anm.) oder ich arbeiten. Unser Sohn hat sich in New York das erste Mal den Figaro angeschaut, obwohl wir ihn eigentlich gar nicht in die Oper mitnehmen wollten. Er war ganz begeistert von der Geschichte des Cherubino, der sich verkleidet und unter einer Decke versteckt. Schön, das mitzuerleben.

WOMAN

Sie sind eine der sichtbarsten und erfolgreichsten Dirigent:innen Europas. Spüren Sie noch Vorurteile gegenüber Frauen am Pult?

Joana Mallwitz

Ja, schon allein dadurch, wie viel Aufsehen darum gemacht wird, dass ich eine Frau bin. Da ist überhaupt keine Normalität spürbar. Auch von den Menschen, von denen das gefeiert wird. Egal wo ich hinkam, hieß es: „die erste Frau“. Die erste Frau in Berlin, die erste Frau, die so eine Stelle hat, die erste Frau, die in Salzburg eine große Opernpremiere dirigiert … In dem Moment, in dem ich vorn am Pult stehe, interessiert das weder mich noch andere, mit denen ich arbeite. Da ist überhaupt keine Zeit, darüber nachzudenken, ob da eine Frau oder ein Mann steht. Da geht es nur um Qualität und Hingabe für die Musik.

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LEIDENSCHAFTLICH. Chefdirigentin Joana Mallwitz brennt für ihren Beruf und zeigt vollen Körpereinsatz, untermalt mit intensiver Gestik und Mimik. Hier in Action mit „ihrem“ Konzerthausorchester beim „Classic Open Air“ am Gendarmenmarkt in Berlin

 © APA-Images / dpa / Malin Wunderlich
WOMAN

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Joana Mallwitz

Die beste und die wertvollste kommt oft von meinem Mann. Wir sind seit über 20 Jahren zusammen. Er unterstützt mich in allem und kennt mich auch musikalisch so gut, dass mein Vertrauen in das, was er sagt, sehr groß ist. Die Meinung von den Menschen in meinem engsten Umfeld ist mir generell sehr wichtig. Ich suche sie gezielt und schätze ihre Aufrichtigkeit.

WOMAN

Was fühlen Sie, wenn ein Konzert losgeht?

Joana Mallwitz

Musik ist für mich wie eine Befreiung von allem. Ich bin ein eher kontrollierter Mensch, deswegen erlebe ich dieses Loslassen besonders intensiv. Wenn ich auf der Bühne mit all den Musiker:innen zusammen bin, muss ich auf das Werk vertrauen. Ich muss der Musik vertrauen. Ich muss mir selber vertrauen. Ich muss jedem einzelnen Musiker und jeder einzelnen Musikerin vertrauen. Ich muss dem Moment vertrauen. Ich muss der Zeit vertrauen. Ich muss dem Raum vertrauen. Man gibt sich den Tönen hin und schaut, was das Stück heute Abend mit einem macht und wo es einen hinträgt. Das ist dann teilweise ganz anders als in der Probe. Ja, ich kann sagen, süchtig nach diesen Momenten und meinem Beruf zu sein.

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 © APA-Images / dpa / Hannes P Albert

Man gibt sich den Tönen hin und schaut, was das Stück heute Abend mit einem macht.

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