
Besonders in den ersten Lebensmonaten kann eine Infektion mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus, kurz RSV, schwer verlaufen. Eine Immunisierung schützt sofort. Sie wird Neugeborenen jetzt im Rahmen des kostenfreien Kinderimpfprogramms angeboten.
Aufmerksame Mutter
„Eigentlich sind wir eine ganz normale Familie, die sehr gerne verreist, gemeinsam viel unternimmt und viel spielt“, erzählt Sonja Deutschmann. Dabei war der Start ins Familienleben alles andere als normal. Denn als die Zwillinge Amélie und Moritz im Dezember 2011 zur Welt kommen, sind sie Spät-Frühgeborene. Nach drei Wochen im Spital dürfen die Babys schließlich Ende Dezember mit ihren Eltern nach Hause. „Alles war gut. Doch dann kam dieser 3. Jänner“, erinnert sie sich.
Als sie am Gitterbett stand und ihren Sohn beobachtete, kam ihr etwas seltsam vor. „Der Moritz hustet für einen Neugeborenen sehr tief“, sagte sie zu ihrem Mann. Der vertraute auf die Instinkte einer Mutter, schnappte die beiden Kinder und seine Frau und fuhr schleunigst mit ihnen ins Spital. Dort erfolgte sofort einen RSV-Abstrich. Schnell zeigt sich: Beide Kinder sind RSV-positiv und müssen stationär aufgenommen werden.
Was genau das heißt, weiß Frau Deutschmann zunächst nicht. Sie kann sich nur vage an ein Informationsblatt erinnern, das ihr kurz nach der Geburt zu diesem Thema überreicht wurde. Damals hatte sie aber keinen Kopf, um sich darüber Gedanken zu machen. Den hat sie auch in diesem Moment nicht wirklich. „Am Weg zur Kinderstation stelle ich das Maxi-Cosi hin und sehe: Der Moritz wird blau.“ Er wird sofort beatmet und kommt danach auf die medizinische Intensivstation.


RSV-Schutz
© Getty ImagesMomente des Schreckens
Ich gehe da rein, sehe das Kind, dem die Ärzte versuchen, einen Tubus zu legen. Das Kind ist ganz leise.“ Das Team schafft es, Moritz zu stabilisieren. Er braucht aber intensivere Betreuung und muss ins AKH überstellt werden. Seine Chancen stehen schlecht, er kommt an die Herz-Lungen-Maschine, sein kleiner Körper ist übersät mit Schläuchen. Für die Familie bricht eine schreckliche Zeit des Bangens an. Die Möglichkeit einer Hirnblutung, die zu einer schweren Behinderung führen könnte, besteht. Auch der Tod des Babys kann nicht ausgeschlossen werden. Momente vorsichtigen Glücks erleben sie mit Amélie, die die Infektion überstanden hat und natürlich auch ihre Eltern braucht.
„Du hantelst dich von Stunde zu Stunde“, erinnert sich die Mutter heute. Nach zehn Tagen können die Deutschmanns zum ersten Mal aufatmen. Moritz muss aber weiterhin im Krankenhaus bleiben, er bekommt viele Medikamente, darunter Opioide und Valium. Bis er letztlich vollständig über dem Berg ist, vergehen Monate.
„Meine Tochter infizierte sich als Neugeborene ebenfalls mit dem RS-Virus“, erzählt Dr. Monika Resch. „Sie hatte keinen so schlimmen Verlauf wie Moritz, aber dennoch hat es vier Jahre gedauert, bis sie vollständig gesund war.“ Die Intensivmedizinerin erfuhr 2013 am eigenen Leib, was es heißt, wenn man plötzlich die Seiten wechseln muss. „Es war schrecklich. Wir waren am Attersee, meiner Tochter ging’s schlechter und schlechter“, erinnert sie sich. Ihre Tochter bekam Infusionen und Sauerstoff. „Ich habe absolutes Verständnis für jedes Elternpaar. Wenn’s ums eigene Kind geht, kann einen alles aus der Bahn werfen.“
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Zuverlässiger Schutz
Aus ihrem eigenen Arbeitsalltag weiß die Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde auch: „Als die Immunisierung kam, war das der Game-Changer. Ich bin heilfroh, dass es diese Option heute gibt. Jetzt sind die Antikörper so aufbereitet, dass eine Dosis die Neugeborenen während ihrer gesamten ersten RSV-Saison zuverlässig schützt. Die Studienlage zeigt, dass der Schutz fantastisch ist. Die wenigen, die sich dennoch infizieren, haben einen ganz milden Verlauf.“
Die Bedenken von Eltern kennt sie: Die Verabreichung erfolgt durch eine Injektion, außerdem ist seit der Pandemie die Impfskepsis gestiegen. Sie weiß aber auch aus ihrer Erfahrung als betroffene Mutter und als Medizinerin, dass der kleine Piks nichts gegen das unendliche Leid ist, das eine Infektion mit dem Virus nach sich zieht. „Ich kann die Fragen und Sorgen der Eltern absolut nachvollziehen. Nach unserer eigenen Geschichte noch viel mehr.“
Sie rät frischgebackenen Eltern nicht nur dringend zur RSV-Immunisierung, sondern auch dazu, aufmerksam zu sein: „Wenn ein Säugling richtig hustet, muss man zum Kinderarzt.“


Sonja Deutschmann (links) und Dr. Moinka Resch (rechts), Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, kennen die Gefahren einer RSV-Infektion aus erster Hand und raten dringend zur Immunisierung!
© Nicole ViktorikWas ist RSV?
In Österreich erkranken jedes Jahr Schätzungen zufolge 50.000 Kinder am Respiratorischen Synzytial-Virus, kurz RSV. Es befällt vor allem die unteren Atemwege, die bei Säuglingen und vor allem Frühgeborenen noch sehr eng sind. Da das Immunsystem von Babys noch unreif ist gehören sie zur absoluten Risikogruppe. Für sie kann RSV schwerwiegende Folgen haben und sogar zum Tod führen; rund 26.000 Kinder verlieren jedes Jahr weltweit den Kampf gegen das Virus. Es dringt in die Lungenzellen ein und bildet dort Riesenzellen, die namensgebenden Synzytien. Diese verstopfen die kleinen Bronchien (Bronchiolen), es kommt zu Atemschwierigkeiten, Lungenentzündungen, Bronchitis oder Bronchiolitis.
Besonders gefährdet sind Kinder in den ersten zwei Lebensjahren, Frühgeborene, Kinder mit Herzfehlern oder genetischen, muskulären und Atemwegserkrankungen.
Eine Therapie gegen das Virus selbst gibt es nicht, das Immunsystem muss mit der Infektion allein klarkommen. Die Behandlung erfolgt symptomatisch, in schweren Fällen mit Sauerstoffgabe, Atemunterstützung und intensivmedizinischer Überwachung. Zuverlässigen Schutz bietet die RSV-Immunisierung.
Wie funktioniert die RSV-Immunisierung?
• Die Säuglinge erhalten fertige, sofort wirksame Antikörper als Injektion.
• Säuglinge, geboren zwischen 1. Oktober und 31. März, erhalten die Immunisierung gratis ehestmöglich nach der Geburt im Krankenhaus – empfohlen wird die Gabe in der ersten Lebenswoche im Wochenbett.
• Säuglinge, geboren zwischen 1. April und 30. September, erhalten die passive Immunisierung zwischen Oktober und Dezember bei niedergelassenen Kinderärzt:innen.

