Die Architektin des neuen ORF

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
7 min

LAUFBAHN. 1999 wurde Ingrid Thurnher mit der Romy als beliebteste Nachrichtenmoderatorin ausgezeichnet 

©APA-Images

Alle Augen sind auf sie gerichtet: Ingrid Thurnher hat als neue Generaldirektorin die interimistische Leitung des ORF übernommen. Was ihre Wegbegleiter:innen über sie sagen.

Bereits 2003 schrieb Ingrid Thurnher in ihrem Rhetorik-Ratgeber „So reden Sie sich zum Erfolg“: „Je unerwarteter, unbekannter und herausfordernder eine Situation ist, desto stärker muss man bei sich selbst bleiben.“ In den vergangenen Wochen hat dieses Zitat an Aktualität gewonnen: Am 12. März 2026 wurde die Journalistin und Radiodirektorin vom ORF-Stiftungsrat als vorläufige Leiterin und damit zur interimistischen Generaldirektorin des ORF bestellt. Peter Fässlacher, Kulturprogrammchef bei ORF III und langjähriger Mitarbeiter von Ingrid Thurnher, ist überzeugt: „Bei sich selbst zu bleiben, ist sicher eine besonders wichtige Fähigkeit in der momentanen Situation. Ingrid Thurnher weiß, wer sie ist und dass sie niemandem mehr etwas beweisen muss.“

Transparenz

Bis Ende des Jahres wird die 63-Jährige die Agenden von Roland Weißmann übernehmen. Dieser gab seinen Rücktritt bekannt, nachdem ihm eine ORF-Mitarbeiterin sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte. So unangenehm das, was bislang an die Öffentlichkeit durchgesickert ist, auch sein mag – in einem ihrer ersten Auftritte als Neo-Generaldirektorin versprach Thurnher in der Causa volle Transparenz. Im Interview mit der Kronen Zeitung zitierte die langjährige ORF-Moderatorin Bundespräsident Alexander Van der Bellen nachdrücklich mit den Worten: „So sind wir nicht.“

Doch wer ist die Frau, die den Zuseher:innen seit Jahrzehnten aus dem TV bekannt ist, hinter den Kulissen? So spontan diese Herkulesaufgabe an sie herangetragen wurde – Ingrid Thurnher ist ein Profi. Seit 40 Jahren ist die Journalistin im öffentlich-rechtlichen Medienkonzern am Wiener Küniglberg tätig. 2022 stieg sie als Radiodirektorin in Weißmanns Management-Team auf. Ein ehemaliger Mitarbeiter Thurnhers, der anonym bleiben möchte, beschreibt sie aufgrund ihrer Integrität als „Galionsfigur des ORF“ und als Role Model für viele junge Angestellte: „Sie ist eine Führungsperson, auf die man sich verlassen kann – und die sich für die wichtigen und richtigen Dinge einsetzt.“ Während der Coronapandemie war sie Teil jener Crew, die für eine Woche durchgehend im ORFZentrum gearbeitet und dort auf Feldbetten geschlafen hat. „Das zeigt, mit welchem Eifer, Ehrgeiz und mit welcher Solidarität ihren Mitarbeiter:innen gegenüber sie agiert. Und dass sie sich für nichts zu schade ist.“

Aufstieg

Ihre ORF-Karriere startete die gebürtige Vorarlbergerin 1985 als TV-Ansagerin. Danach wechselte Thurnher für fünf Jahre ins niederösterreichische Landesstudio. Zurück in Wien, war sie ab 1995 als ZiB 2-Moderatorin zu sehen. Zwei Jahre später führte sie ein Interview, das aus heutiger Sicht wohl viral gegangen wäre: Zu Gast im Studio war der deutsche Comedian Otto Waalkes, der die Moderatorin mit den Worten „Guten Abend, Frau Turnschuh“ begrüßte und sich abschließend unter dem Tisch versteckte – live on air. Da musste selbst die sonst so souveräne Nachrichtenmoderatorin herzlich lachen. Im April 2023 bewies Ingrid Thurnher erneut Humor: Bei der Romy-Gala in der Wiener Hofburg nutzte sie die Gelegenheit, um dem ostfriesischen Komiker die Romy für sein Lebenswerk zu überreichen – in weißen Turnschuhen.

Genau dieser Mix aus Eloquenz und Lockerheit macht die Neo-Generaldirektorin aus, ist ein Mitarbeiter überzeugt: „Da ist ein Entertainment-Gen in ihr, das sie nicht leugnen kann.“ Auch Fässlacher merkt an: „Ingrid Thurnher ist eine uneitle Ikone. Mit ihrer natürlichen Autorität, ihrer souveränen Leichtigkeit und ihrer fachlichen Kompetenz wurde sie zu einer der Spitzen-Interviewerinnen des Landes und zu einem Symbol der Glaubwürdigkeit des ORF.“ Diese muss in den nächsten Monaten auch unternehmensintern repariert werden. Vor allem für weibliche Mitarbeiter:innen sei es deshalb ein starkes Zeichen, dass mit Thurnher nun eine Frau an der Spitze des öffentlich-rechtlichen Medienkonzerns steht, glaubt Carola Purtscher, PR-Managerin und langjährige Freundin der Journalistin: „Sie wird den Frauen eine starke Stimme geben, um Ungereimtheiten und Missstände transparent zu machen.“

Blurred image background

Ihr legendäres ZiB-Interview mit Comedian Otto Waalkes könnte darauf eingezahlt haben.

 © APA-Images

Proffesionalität

Was Ingrid Thurnhers Laufbahn auch zeigt: Niemand wird über Nacht an die Spitze des größten Medienunternehmens des Landes bestellt. Auch wenn sie sich nach 40 Jahren wohl langsam eine ruhigere Phase vorgestellt hätte, hat sie längst bewiesen, dass sie die Richtige für diesen Job ist. Daran zweifelt auch ihre ehemalige ZiB-Kollegin Danielle Spera, 68, nicht. Sie beschreibt Thurnher als „souverän und unaufgeregt, verantwortungsbewusst sowie immer mit einem klaren Blick nach vorn.“ Für Danielle Spera, die bis zum Juni 2010 – insgesamt 32 Jahre lang – beim ORF tätig war, eine besondere Führungskompetenz: „Ingrid bewahrt den Überblick, sie konzentriert sich auf das Wesentliche, und sie weicht Entscheidungen nicht aus.“ Sie sei eine Garantin dafür, dass Ungerechtigkeiten nicht hingenommen werden.

Aktuell wird Ingrid Thurnher den ORF bis Ende des Jahres leiten. Ob sie sich für die volle Periode der neuen Generaldirektion bis 2031 bewirbt, ließ sie bislang offen. Carola Purtscher ist zwiegespalten: „Als Gebührenzahlerin würde ich mir das sehr wünschen. Als Freundin freue ich mich aber auch für sie, wenn sie bald ruhigere Zeiten genießen kann.“ Neben ihrer Professionalität und politischen Unabhängigkeit schätzen ihre ehemaligen Kolleg:innen Ingrid Thurnher vor allem für ihre Nahbarkeit. „Zu ihrer Wahl als interimistische Generaldirektorin des ORF habe ich ihr über WhatsApp gratuliert“, berichtet Fässlacher, „fünf Minuten später hat sie geantwortet.“

Als Gebührenzahlerin würde ich mir wünschen, dass sie bleibt. Als Freundin freue ich mich aber auch für sie, wenn sie bald ruhigere Zeiten genießen kann.

Carola PurtscherPR-Unternehmerin
Blurred image background

Privat ist Thurnher mit PR-Managerin Carola Purtscher befreundet. Die beiden Frauen kennen sich seit 1991.

 © Julia Dragosits

Über die Autor:innen

-20% auf das WOMAN Abo