Sophie Passmann: „Zufriedene Menschen schreiben keine Hasskommentare“

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Frau mit Blume

KRITISCH. Sophie Passmann ist mittlerweile lieber auf YouTube als auf Instagram: „Da gibt es noch die Möglichkeit, mit Inhalten tatsächlich Leute zu erreichen.“

©Foto: Max Strohe

Es gibt Einfacheres, als eine Frau im Internet zu sein, ist Sophie Passmann überzeugt. Die Autorin im WOMAN-Interview über ihr neues Buch, Online-Trends und die Meinung anderer.

Poste ich mehr Selfies, seit ich schlanker bin? Bin ich das Problem? Wäre ich ohne das Internet dünner? Oder dicker? Wäre ich überhaupt jemand?“ Sophie Passmann hat viele Fragen. Darauf deutet bereits der Titel ihres kürzlich erschienenen Buchs „Wie kann sie nur?“ hin. Die 32-jährige Moderatorin und Podcasterin bezieht sich damit auf die ständige Bewertung ihrer Person und von Frauen im Internet allgemein. Auf 240 Seiten widmet sich Passmann, der allein auf Instagram über 400.000 Menschen folgen, diversen Onlinetrends der vergangenen Jahre und zeigt auf, wie diese täglich unsere Realität formen. Im WOMAN-Gespräch argumentiert die Autorin, inwiefern User:innen dafür auch selbst verantwortlich sind, und erklärt, warum es die Body-Positivity-Bewegung ihrer Meinung nach eigentlich gar nie wirklich gegeben hat.

WOMAN

Liest man Ihr Buch, bekommt man den Eindruck: Als Frau kann man im Internet eigentlich nichts richtig machen. Bemühen Sie sich noch?

Sophie Passmann

Ich glaube, nicht mehr, nein. Für mich war die Phase, in der ich verstanden habe, dass man den Leuten als Frau nicht gefallen wird, egal, wie man es macht, wahnsinnig befreiend. Denn dann kann man einfach aufhören, zu versuchen, von allen gemocht zu werden.

WOMAN

Gab es dafür einen Auslöser?

Sophie Passmann

Meine steigende Reichweite. Irgendwann hatte ich einen Punkt erreicht, an dem ich jeden Tag mit wahnsinnig vielen Kommentaren konfrontiert wurde. Die Leute denken bei so einer Karriere in der Öffentlichkeit: Die ist so weit weg, jetzt kann ich ihr sagen, was ich wirklich über sie denke. Jetzt muss ich sie nicht mehr wie einen Menschen behandeln, jetzt ist sie eine Projektionsfläche.

WOMAN

Ein Argument lautet oft: Das müssen Personen des öffentlichen Lebens aushalten!

Sophie Passmann

Ja, das ist so eine Floskel. Aber warum ist es eine Tugend, besonders hart und nehmend zu sein? Teilweise checken die Leute gar nicht mehr, dass das kein Unternehmenskonto ist. Ich lese diese Kommentare selber, und mir gehen die näher, als viele vermutlich denken.

WOMAN

Dabei stellt sich die Frage: Ist das Internet, insbesondere Social Media, für Frauen noch ein Empowerment-Tool oder eher ein Kontrollinstrument?

Sophie Passmann

Es kann beides sein, so wie die echte Welt auch. Social Media können empowernd sein, was die Sehgewohnheiten angeht. Dabei finde ich interessant, dass kritisiert wird, wie rigoros die Schönheitsideale online sind – niemand zwingt uns, denselben Frauen zu folgen! Wir haben vermutlich zum ersten Mal in der Geschichte des Frauseins Zugriff auf ganz viele unterschiedliche Körper, Gesichter und Menschen verschiedener Backgrounds. Und ehrlich gesagt folgen wir dann doch lieber Kylie Jenner?! Ich nehme mich da nicht aus. Aber es wird mir zu viel Verantwortung auf den bösen Algorithmus abgegeben.

WOMAN

Hat die Body-Positivity-Bewegung in dem Zusammenhang versagt?

Sophie Passmann

Die Bewegung war von Anfang an eine, die gar keine wirklichen Ziele hatte, außer Hautcreme-Werbung zu machen. Es ging nie um echte Gleichstellung, sondern eher um: „Guck mal, selbst ich fühle mich schön, dann kannst du dich auch schön fühlen!“ Als sei das große Problem von dicken Menschen in unserer Gesellschaft, dass sie nicht als schön wahrgenommen werden.

WOMAN

Aktuell erleben wir dennoch ein Revival der Nullerjahre: Dünn sein wirkt wieder angesagt.

Sophie Passmann

Ich halte das für eine gemeinsame Zeitgeistlüge, dass wir alle kurz nicht dünn sein wollten. Ich erinnere mich nicht an diese Body-Positivity-Epidemie, die der Zeit 2016 bis 2019 nachträglich untergejubelt wurde. Es gab kaum dicke Frauen auf Laufstegen. Es gab keine dicken Stars auf Covern. Es gab diese Zeit, in der angeblich alle wahnsinnig pummelig und glücklich waren, so nicht. Auch statistisch lässt sich das nicht untermauern. Ich glaube deshalb nicht, dass wir zu einem Skinny-Trend zurückkehren, es gibt gerade nur wieder klare Vorbilder dafür.

BUCHTIPP

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BUCHTIPP

In „Wie kann sie nur?“ beschreibt Internet- und TV-Persönlichkeit Sophie Passmann, wie gnadenlos Frauen online bewertet werden. Kiepenheuer & Witsch, € 23,70

WOMAN

Sie beschreiben, dass es für Frauen im Internet keine Safe Zone gibt, die vor Bewertung schützt – kein Gewicht, kein Alter, keine Haarlänge. Waren Sie als sogenanntes Pick-Me-Girl, das sich von anderen Frauen abgrenzte, zufriedener, weil Sie dachten, Sie spielen da gar nicht mit?

Sophie Passmann

Nein, ich glaube, Pick-Me-Girls sind gar nie zufrieden mit sich, weil sie ja insgeheim denken, sie müssen eine Gegenleistung für ihre Existenz finden und dafür anders sein als andere Frauen.

WOMAN

Über diese Phase in Ihrem Leben haben Sie ein Buch und ein Theaterstück geschrieben. Haben Sie sich inzwischen damit versöhnt?

Sophie Passmann

Ja. Ich wüsste nicht, warum ich mich dafür, dass ich früher halt verkorkst war in meinem Versuch, eine Frau zu sein, so lange mit Scham aufhalten soll. Man sollte natürlich bis zu einem gewissen Grad hart mit sich ins Gericht gehen, um aus Fehlern zu lernen. Aber ich glaube, als Frauen neigen wir eher dazu, zu hart zu uns zu sein.

WOMAN

Im Jahr 2022 wurde Ihnen nach einem Interview vorgeworfen, Feminismus nicht inklusiv zu verstehen, sondern aus einer privilegierten, weißen Perspektive zu sprechen. Es folgte ein Shitstorm. Was hinterlässt mehr Spuren: online gefeiert oder kritisiert zu werden?

Sophie Passmann

Der Shitstorm war auf jeden Fall sehr essenziell für die Jahre danach, weil ich mich natürlich erschrocken und gemerkt habe: Ja, die Leichtigkeit, mit der ich über gewisse Themen geredet habe, spricht dafür, dass ich das nicht wirklich ernst genommen habe oder das Gefühl hatte, ich kann für alle Frauen sprechen. Aber ich glaube, es wurde auch ein bisschen ein Wettbewerb daraus, wer anderen Feministinnen am meisten vorwerfen kann, dass sie eigentlich gar keine guten Feministinnen sind.

WOMAN

Was wäre die Lösung?

Sophie Passmann

Wir müssen einen Mittelweg finden. Ich hatte das in dem Moment verdient, nicht in der Intensität, aber inhaltlich. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass es der richtige Reflex ist, bei Frauen die ganze Zeit danach zu gucken, was sie alles nicht machen, statt sich auf die Sachen zu konzentrieren, die sie machen.

WOMAN

Was ist Ihnen wichtiger: als vermeintlich gute Frau zu gelten oder als gute Feministin?

Sophie Passmann

Eine gute Frau zu sein, ist mir wichtiger, weil es die überliegende Kategorie ist. Aber ich glaube, sobald man anfängt, zu versuchen, als gute Frau zu gelten, ist man wahrscheinlich schon automatisch keine gute Feministin mehr.

WOMAN

Ihre Strategie, um diese ständige öffentliche Bewertung auszuhalten?

Sophie Passmann

Man muss sich vor Augen führen, dass in 80 Prozent der Fälle jene Leute blöde Kommentare schreiben, die unzufrieden mit sich selbst sind. Zufriedene Menschen schaffen es zumindest in meinem Umfeld, ganze Jahre hinter sich zu bringen, ohne Hasskommentare zu schreiben. Das heißt aber noch lange nicht, dass mich diese bösen Nachrichten deshalb nicht treffen. Aber manchmal hilft diese Perspektive ein bisschen drüber hinweg.

WOMAN

Am Ende schreiben Sie: „Ich kann jede Version sein, die ihr von mir sehen wollt.“ Welche Version von Sophie Passmann ist gerade die ehrlichste?

Sophie Passmann

Die, die keine Lust hat, so zu tun, als sei alles, was Leute ins Internet blasen, automatisch megawichtig und beredenswert. Ich hoffe, dass wir wieder in so eine Phase kommen, in der wir Social Media idealerweise als lustigen, leichten, auch belanglosen Ort betrachten. Und nicht überall diese Schwere suchen, in der wir glauben, anderen Leuten sagen zu müssen: „Mega enttäuschend, dass du jetzt ein Selfie gepostet hast!“

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