
In ihrer Heimat sollte sie schweigen, jetzt feiert die iranische Sängerin Vazista am Weltfrauentag ihre Freiheit in der Wiener Staatsoper.
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Hinweis: Das Interview hat vor Beginn des Iran-Kriegs stattgefunden.
Als Kind“, erinnert sich Vazista, „habe ich mich manchmal in den Kleiderschrank gesetzt, um zu singen.“ Aufgewachsen in einer kleinen Stadt im Nordwesten Irans, war es für die 26-jährige Künstlerin, die eigentlich Mahtab Maskani heißt, die meiste Zeit ihres Lebens nicht möglich, ungehemmt ihrer Leidenschaft nachzugehen. Sie galt als zu laut, zu unbequem. „Frauen dürfen unter dem autoritären Mullah-Regime nur als Begleitung von männlichen Künstlern singen, aber nicht allein performen“, erzählt sie kopfschüttelnd, als wir uns Ende Februar in der WOMAN-Redaktion in Wien treffen. „Sogar das Wort ‚Tanzen‘ ist verboten, sie nennen es ‚rhythmische Bewegungen‘.“ Eine ernüchternde Realität, der Vazista Ende 2022 gemeinsam mit ihrem Mann Madyar den Rücken kehrte – um als junge Frau in Österreich endlich in Freiheit zu leben. Vier Jahre später wird sie auf einer der glamourösesten Bühnen des Landes performen: Im Zuge des Internationalen Weltfrauentags tritt Vazista am 8. März beim kulturpolitischen Event „RISE! – Women’s Voices for Change“ in der Wiener Staatsoper vor 2.000 Menschen auf.
Große Träume
„Damit geht für mich ein großer Traum in Erfüllung“, gesteht die 26-Jährige, die ihre Vorfreude kaum verbergen kann. Bereits als Kind habe sie allen Repressionen zum Trotz davon geträumt, eine Opernsängerin zu werden. „Meine Mutter lehrte mich Geduld, mein Vater war mein größter Supporter“, sagt sie lachend. „Er hat mir unterschiedliche Musikrichtungen und Künstler:innen gezeigt und immer an mich geglaubt. Er wollte nicht, dass ich aufhöre zu singen.“ Ihre Performance widmet die iranische Künstlerin, die auf Instagram über eine Million Follower:innen hat, allen Frauen weltweit – und natürlich den mutigen Menschen, die in ihrem Heimatland täglich für ein besseres Leben kämpfen: „Einer meiner Songs ist eine persische Version von ‚Bella Ciao‘“, verrät die Künstlerin. Das italienische Partisanenlied wurde während der iranischen Proteste 2022 zu einer Hymne des Widerstands. Auch Vazista ging damals auf die Straße, um nach dem gewaltsamen Tod der jungen iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini gegen das autoritäre Regime und dessen Sittenpolizei zu demonstrieren. „Ich bin oft vor ihnen davongelaufen“, berichtet die Sängerin, die in Wien derzeit einen Deutschkurs belegt, mit ernster Miene. „Sie beschimpfen dich, ziehen dich an den Haaren, selbst wenn an deinem Arm auch nur ein kleines Stück Haut zu sehen ist.“


Vazista, 26, musste sich in Wien erst daran gewöhnen, sich in der Öffentlichkeit ganz nach ihrem Geschmack kleiden zu dürfen. Auf Instagram und in den Straßen nutzt sie jede Gelegenheit, um gegen das autoritäre Mullah-Regime im Iran zu demonstrieren.
© woman-rise.atWiderstand
Dass sie sich in Österreich schließlich frei bewegen konnte – in Kleidung ganz nach ihrem Geschmack –, sei für sie die größte Umstellung gewesen. „Am Anfang hat mich ständig die Angst begleitet, plötzlich verhaftet zu werden. Sie war regelrecht in meinem Körper verankert.“ Auch wenn Vazista mittlerweile versucht, ihr neues Leben zu genießen, lassen sie die dramatischen Bilder aus dem Iran nicht los. Ende 2025 forderten die jüngsten landesweiten Proteste Zehntausende Tote. „Es ist schlimm, ich habe schlaflose Nächte“, sagt sie unter Tränen. Teilweise hätten sie und ihr Mann seit Wochen nichts mehr von befreundeten Künstler:innen gehört. „Wir wissen nicht, was mit ihnen passiert ist.“ Ihre enorme Instagram-Reichweite nutzt sie, um auf die Geschehnisse aufmerksam zu machen. Auf den Straßen Wiens ihre melodische Stimme erklingen zu lassen, hilft Vazista dabei, auf andere Gedanken zu kommen. „Nur wenn ich singe, fühle ich mich richtig frei. Es hat fast etwas Übernatürliches.“ Wen sie bei ihrem Auftritt in der Staatsoper am liebsten im Publikum sehen würde? „Wenn ich es mir wünschen könnte: meine Mutter und meinen Vater. Sie haben mir beigebracht, nicht aufzugeben.“



