
Wir Frauen sind im Alltag oft mit Grenzüberschreitungen konfrontiert. Notlügen erweisen sich da manchmal als Lebensretter.
Lügen haben ein ziemlich schlechtes Image. Schon kleinen Kindern bringen wir bei, immer die Wahrheit zu sagen. Und natürlich sollten wir niemanden böswillig hinters Licht führen. Aber es gibt Situationen, in denen Lügen ein respektvolles Zusammenleben überhaupt erst ermöglichen – etwa wenn wir flunkern, um die Gefühle unseres Gegenübers nicht zu verletzen. Manchmal allerdings werden wir regelrecht zum Lügen gezwungen, weil es uns aus Gefahrensituationen hilft. Das gilt besonders für Frauen.
Vor ein paar Wochen nahm ich ein Taxi vom Flughafen nach Hause. Dabei geriet ich in eine äußerst unangenehme Situation: Kurz nach dem Einsteigen begann der Taxifahrer mich sehr persönlich auszufragen. Es fühlte sich für mich von Beginn weg nicht nach üblichem Small Talk, sondern viel zu persönlich an. Ich versuchte, die Unterhaltung abzuwürgen, antwortete nur knapp und ausweichend. Gleichzeitig wollte ich nicht unhöflich sein oder in Streit geraten. Immerhin musste ich noch eine recht weite Strecke mit diesem Mann im Auto verbringen. Aussteigen auf der Autobahn ist leider keine Option.
Also behalf ich mir mit Notlügen. Ich erfand andere Personen, tatsächlich irgendwelche Männer, als es um gezielte Fragen über meine Mitreisenden und meine private Lebenssituation ging. Immer wieder wurde ich vom Taxifahrer im Rückspiegel beobachtet. Ich starrte auf mein Handy und tat so, als sei ich schwer beschäftigt. Er setzte seine drängende Fragerei trotzdem fast den ganzen Weg über fort. Rückblickend hatte ich mich zwar nicht ernsthaft bedroht, aber doch sehr bedrängt gefühlt.
Kein Einzelfall
Was hier passierte, war eine ganz klare Grenzüberschreitung. Und ich log über gewisse Dinge, nur um mir etwas Raum zu verschaffen und einen Konflikt zu vermeiden. Als ich anderen Frauen von dem Erlebnis erzählte, waren die Reaktionen eindeutig: Ja, solche Situationen seien ihnen bestens bekannt. Im Taxi, beim Fortgehen an der Bar, auf der Straße, sogar im Arbeitsumfeld – Männer überschreiten ständig Grenzen, und zwar ganz selbstverständlich. Werden sie vehement zurückgewiesen, reagieren viele sogar aggressiv, und Frauen riskieren ihre eigene Sicherheit.
Eine Notlüge kann in solchen Situationen tatsächlich hilfreich sein, weil viele Männer erst Respekt zeigen, wenn andere Männer ins Spiel kommen. Dass wir Frauen so zum Lügen gezwungen sind, sollten wir aber nicht einfach als gegeben hinnehmen. Wir sollten aufzeigen und einfordern, dass unsere Grenzen gewahrt und unsere Sicherheit gewährt bleibt. Dazu kann es schon helfen, wenn wir unsere Erfahrungen austauschen.
Die weitverbreitete Annahme, wir würden täglich bis zu 200 Mal lügen, ist übrigens nur ein Mythos. Laut Wissenschaft lügen Menschen in der Regel nur ein bis zwei Mal pro Tag.
zettel.claudia@woman.at
