
Jungs von heute – Männer von morgen: Psychotherapeut Benjamin Wagner und Pädagoge Philipp Leeb über Gefühlsarbeit in der Kindererziehung, Caring Masculinities und Rollenbilder.
Wie wichtig ist emotionale Bildung in der Erziehung?
Viele Jungs lernen früh, dass unangenehme, „schwache“ Gefühle wie Trauer, Angst oder Unsicherheit „unmännlich“ sind. Wut ist die einzige Emotion, welche Buben (und später Männern) zugestanden wird, um der Männlichkeitsanforderung „Setz dich durch“ nachkommen zu können. Emotionale Bildung heißt für mich daher nicht, dass wir Buben beibringen, brav oder angepasst zu sein, sondern dass wir ihnen helfen, ihr inneres Erleben überhaupt wahrzunehmen und in Worte zu fassen. Wenn mir als Kind niemand hilft, meine Gefühle zu benennen und zu verstehen, fehlt mir später das nötige Vokabular dafür. Und was man nicht benennen kann, kann man nicht regulieren.
Ab welchem Alter beginnt Gewaltprävention, und welche Weichen werden im Umgang mit Kindern oft zu spät gestellt?
Schon im Kleinkindalter. Zum Beispiel, wenn ein kleiner Junge hinfällt und ihm gesagt wird „Steh auf, ist ja nichts passiert“ statt „Das hat wehgetan, oder?“ So lernen Buben: Schmerz zählt nicht, es entsteht die Erwartung, unverletzlich zu sein. Und wenn wir erst in der Pubertät mit Workshops zum Thema Gewalt ansetzen, müssen wir Jahre „männlicher Sozialisierung“ aufholen. Dazu kommt: Es fehlen oft männliche Vorbilder, die zeigen, dass Männer auch einfühlsam, fürsorglich und verletzlich sein können.
Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Caring Masculinities“ …
Ja, dieses Konzept aus der Männerforschung ist relativ einfach: Es geht darum, Fürsorge, Empathie und Kooperation nicht als weibliche Eigenschaften, sondern als menschliche und somit auch männliche Eigenschaften zu betrachten. Wenn wir Burschen von Anfang an vermitteln, dass Fürsorge (für sich selbst und für andere) kein Widerspruch zum Mannsein ist, sondern ein Teil davon, dann schaffen wir Raum für Männlichkeit, die auch ohne Dominanzbestreben oder Gewalt auskommt.
Nur: Wenn ich als Vater für Feminismus bin, aber mich meiner Partnerin gegenüber mächtig verhalte, sehen Kinder einen Widerspruch darin. Das gilt natürlich auch umgekehrt. Es gibt ja auch Männer, die keine großen feministischen Weisheiten von sich geben und trotzdem fürsorgliche Väter und Partner sind. Oder Mütter, die sich feministisch geben, aber Schwierigkeiten haben, aus der ökonomischen Beziehungsfalle zu entfliehen. Das mag provokant formuliert sein, aber wir leben oft nicht das, was wir unseren Kindern erzählen. Gleichberechtigte Beziehungsformen sind sicher die beste Grundlage für ein später weniger gewaltaffines Verhalten.
Welche drei Dinge sollten Eltern ihren Söhnen mitgeben, damit sie zu respektvollen Männern heranwachsen?
Erstens: Lasst eure Söhne fühlen. Alle Gefühle, auch die unbequemen. Wenn euer Sohn weint, haltet das aus und umarmt ihn, statt ihm zu sagen, er soll aufhören. Erklärt euren Söhnen deren Gefühle. Zweitens: Nehmt euch selbst an der Nase. Kinder lernen vor allem durch Nachahmung. Wie geht ihr als Eltern mit Konflikten um? Wie redet ihr übereinander? Wer übernimmt welche Arbeiten im Haushalt? Wer trägt den Mental Load? Wer entscheidet innerhalb der Familie welche Dinge? All das prägt mehr als jedes Gespräch. Drittens: Seid neugierig auf die Welt eurer Söhne. Was schauen sie sich an? Mit wem verbringen sie Zeit? Ich glaube, viele Probleme entstehen dort, wo Kinder das Gefühl haben, dass sich niemand wirklich für sie interessiert. Und dann suchen sie sich ihre Antworten woanders.
Welche Rolle spielen Social Media und die sogenannte Manosphere in Bezug auf Frauenbilder und Gewalt?
Was Buben heute online konsumieren, ist teilweise wirklich besorgniserregend. In der Manosphere werden Frauen systematisch abgewertet. Dominanz, Kontrolle und gewaltbereites Verhalten werden als erstrebenswert verkauft. Das Ganze wird gut verpackt in professionell produzierten Videos und in Memes, welche in einer Ästhetik daherkommen, die bei jungen Männern sehr anschlussfähig ist. All diese Inhalte füllen ein Vakuum. Wenn ein Bub unsicher ist, wer er sein soll als Mann, und er findet zu Hause oder in der Schule keine befriedigenden Antworten, dann bietet ihm die Manosphere eine. Und das heißt für mich: Social-Media-Verbote allein helfen wenig. Wir müssen bessere Angebote machen, bessere Gespräche führen, bessere Vorbilder sichtbar machen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
„Toxische" Männlichkeit findet sich nicht nur im Netz, sondern umgibt uns im Alltag: in der Schule erleben Mädchen immer schon Abwertung und sexualisierte Übergriffe, im Berufsleben ist es für Frauen immer noch unverhältnismäßig schwieriger. Und Queerfeindlichkeit durchzieht Gespräche am Stammtisch sowie in der Politik. Was allerdings die Manosphere wirklich extrem problematisch macht, ist das organisierte Verbrechen gegen Frauen, so wie wir das derzeit an immer mehr bekannten Beispielen - Pelicot und Fernandes sind nur die bekanntesten festmachen können.
