Wie viel Einfluss haben die Gene wirklich?

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Eine aktuelle internationale Studie lotet das Verhältnis von inneren und äußeren Faktoren für das Alter neu aus. Was das für jeden Einzelnen bedeutet.

-Text Christina Berndt/ Süddeutsche Zeitung

Wie alt werde ich wohl werden? Die Frage stellen sich Menschen natürlich immer wieder mal und blicken dann auf ihre Eltern und Großeltern: Wenn diese ein hohes Lebensalter erreicht haben, glaubt man, sich auf ähnlich viele Jahre freuen zu können. Doch diese Hoffnung haben Studien stets zunichtegemacht. Die Lebenserwartung sei nur zu 20 bis 25 Prozent erblich, lautete lange die Faustregel. Und vor etwa einem Jahr berechneten Wissenschaftler aus Oxford gar, der Einfluss der Gene auf die Lebenserwartung betrage nur mickrige zwei Prozent. Die Forschenden hatten die Daten von fast 500.000 Personen aus der britischen Biobank ausgewertet. Der Lebensstil sei entscheidend, betonten sie nach ihrer Analyse, nicht das elterliche Erbe.

Nun aber macht ein internationales Forscherteam aus Israel, Schweden, China und den Niederlanden Menschen mit langlebigen Verwandten neue Hoffnung: Der Einfluss der Gene sei viel größer als gedacht, konstatieren sie in einer aktuellen Publikation im Fachmagazin Science. Die Gene könnten zu mehr als der Hälfte erklären, wie lange ein Mensch lebt.

Was spielt die größere Rolle? Lebensstil oder Gene?

Ja, was denn nun? Das Besondere an der neuen Studie ist, dass die Forschenden die Daten von fast 14.000 Zwillingspaaren aus dem schwedischen Zwillingsregister ausgewertet und mathematisch modelliert haben. Die Idee dahinter: Eineiige Zwillinge sind genetisch quasi identisch. Wenn sie ähnlich alt werden, belegt dies den Einfluss der Gene, auch wenn Zwillinge – selbst wenn sie getrennt aufwachsen – zumindest im Mutterleib gemeinsame Zeit verbracht haben und dadurch in einer wichtigen Phase ihres Lebens denselben Umweltfaktoren ausgesetzt waren.

Auch bezog das Team Daten von Geschwistern hundertjähriger US-Amerikaner ein, um herauszufinden, ob das ungewöhnlich hohe Alter in der Familie verbreitet war.

Anders als die Wissenschaftler aus Oxford versuchte die neue Studie zudem alle Todesfälle herauszurechnen, deren Ursache vornehmlich von außen kam und eher wenig mit genetischen Eigenschaften zu tun hatte: Verkehrsunfälle beispielsweise oder auch Infektionskrankheiten. Solche extrinsischen Todesursachen würden den Effekt der Gene verdünnen, sagte Erstautor Ben Shenhar vom Weizmann-Institut im israelischen Rehovot laut einer Pressemitteilung. Deshalb sei die Wirkmacht der Erbanlagen auf das Lebensalter in der Vergangenheit immer unterschätzt worden. Die Modellierungen seines Teams zeigten nun, was für eine zentrale Rolle die Gene in menschlichen Alterungsprozessen spielten. Das stehe auch im Einklang mit Tierexperimenten, wo etwa die Lebensspanne von Labormäusen, die alle in derselben Umgebung leben, erkennbar erblich sei und schon seit Langem auf etwa 50 Prozent geschätzt werde.

50 Prozent oder zwei Prozent: Auch wenn der Unterschied groß klingt – aus Sicht des Biostatistikers Stephen Burgess von der Universität Cambridge, der an keiner der beiden Studien beteiligt war, widersprechen die Ergebnisse einander gar nicht so sehr, wie man zunächst meinen könnte. „Erblichkeit ist als Konzept schwer zu verstehen“, schreibt er in einer E-Mail. Sie sei keine universelle Konstante wie etwa die Lichtgeschwindigkeit, sie hänge von sozialen Faktoren und von Umweltfaktoren ab.

Statistischer Effekt

Beispiel Nichtraucherschutz: Wenn Gesetze verabschiedet werden, die das Rauchen einschränken, steige die Erblichkeit von Lungenkrebs in der Bevölkerung stark an. Denn wenn weniger Menschen an den Folgen des Tabakrauchs sterben, haben die Todesfälle durch genetisch bedingten Lungenkrebs automatisch einen größeren Anteil. Die Erblichkeit von Lungenkrebs erhöht sich somit statistisch, ohne dass sich am Menschen und seiner Biologie etwas geändert hätte. Es sei somit auch nicht überraschend, dass die Erblichkeit der Lebenserwartung steige, wenn man Unfälle und Infektionskrankheiten aus der Statistik herausnimmt.

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Wenn die Oma sehr alt wird, hat man dann gute Chancen auch alt zu werden?

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Ohnehin geht es bei den Berechnungen der Erblichkeit immer um die Bevölkerungsebene, betont Burgess. Ob 50 oder zwei Prozent: Diese Zahlen erlauben keinerlei Rückschlüsse auf einzelne Personen. Der Biostatistiker gibt ein weiteres Beispiel: „Wir alle haben eine natürliche Prädisposition, übergewichtig zu sein“, schreibt er, weil der Mensch aus evolutionären Gründen dazu neige, kalorienreich zu essen und Fettreserven anzulegen. „Aber wir können immer noch kontrollieren, wie viel wir essen.“ Das Verhalten verkleinere damit den Einfluss der Gene auf das Übergewicht. Somit bedeute eine hohe Erblichkeit der Lebensspanne nicht, dass die Lebenserwartung auch tatsächlich vorherbestimmt sei. „Selbst wenn die Erblichkeit der Lebenserwartung hoch ist, haben wir immer noch die Verantwortung, für unsere eigene Gesundheit zu sorgen.“

So kann man mit gutem Grund auf ein langes Leben hoffen, wenn man Eltern hat, die alt wurden. Aber man muss sich auch nicht von vermeintlich schlechten Genen irritieren lassen, wenn die eigenen Eltern oder Großeltern jung gestorben sind: Die ererbten genetischen Risiken lassen sich durch gesundes Verhalten relativieren. „Die Studie gibt somit keinen Anlass, gesellschaftliche oder persönliche Präventionsmaßnahmen zurückzufahren“, sagt die Epidemiologin Annette Peters vom Helmholtz-Zentrum München. „Im Gegenteil, hier muss viel mehr getan werden, weil in der Prävention eine große Chance liegt.“

Oder, wie es der Biostatistiker Steve Hoffmann vom Leibniz-Institut für Alternsforschung in Jena gegenüber dem Science Media Center formulierte: „Die Ergebnisse dieser Arbeit werden mich definitiv nicht dazu bringen, wieder zu rauchen.“

Gesund älter werden

Nicht das Erbgut allein entscheidet - sondern wie wir leben, was aber gilt heute als wissenschaftlich gesichert, wenn es um gesundes Altern geht?

  1. Bewegung als Fundament: Regelmäßige körperliche Aktivität ist einer der stärksten Prädiktoren

    für ein langes Leben. Bereits 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche – etwa zügiges Gehen – senkt das Risiko für Herz Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Demenz und bestimmte Krebsarten. Krafttraining im Alter schützt zusätzlich vor Gebrechlichkeit und Stürzen.

  2. Ernährung: Qualität vor Dogma: Kein einzelner „Superfood“-Trend, sondern ein Muster überzeugt die Forschung: eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährung mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkorn, Nüssen und gesunden Fetten wie Olivenöl. Stark verarbeitete Lebensmittel, Zucker und große Mengen rotes Fleisch dagegen erhöhen Krankheitsrisiken.

  3. Nicht rauchen - der größte Einzelhebel: Rauchen bleibt der stärkste vermeidbare

    Risikofaktor für vorzeitigen Tod. Wer nicht raucht oder früh aufhört, gewinnt statistisch mehrere Lebensjahre – unabhängig von genetischer Disposition.

  4. Alkohol weniger ist besser: Frühere Annahmen über

    schützende Eff ekte moderaten Konsums gelten als weitgehend überholt: Je geringer der Konsum, desto besser.

  5. Schlaf und Stressregulation: 7 bis 9 Stunden Schlaf pro Nacht korrelieren mit geringerer Sterblichkeit. Chronischer Stress hingegen erhöht Entzündungswerte. Pausen, Achtsamkeit und stabile Routinen können hier präventiv wirken.

  6. Soziale Bindungen als wichtige Lebensverlängerer: Soziale Isolation ist mit einer ähnlich erhöhten Sterblichkeit verbunden wie Rauchen oder Adipositas. Enge Beziehungen, Einbindung in Gemeinschaften und ein Gefühl von Sinn zählen zu den robustesten Faktoren für gesundes Altern.

  7. Prävention statt Reperaturmedizin: Blutdruckkontrolle, Vorsorgeuntersuchungen und frühzeitige Behandlung von Risikofaktoren verlängern nicht nur die

    Lebensdauer, sondern vor allem die gesunden Jahre.

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