Die Abnehmspritze zwischen Hoffnung und Schönheitsdruck

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
12 min
3 Frauen

WER PROFITIERT? Die Abnehmspritze Wegovy ist zugelassen für Menschen mit Adipositas oder mit Übergewicht plus Risikofaktoren – nicht für jene, die „ein paar Kilo“ verlieren wollen.

©Stocksy

Für viele Frauen ist die Abnehmspritze ein medizinischer Durchbruch - für andere ein Symbol unserer überdrehten Schönheitskultur. Wir bieten Orientierungshilfe.

Als die ersten Influencer:innen vor zwei Jahren beiläufig erzählten, sie seien „plötzlich nicht mehr hungrig“, war bereits klar: Die Welt der Diäten verändert sich gerade radikal. Heute zählen Abnehmspritzen wie Wegovy oder Mounjaro zum Alltag vieler Übergewichtiger, und Mediziner:innen wie Patient:innen sind sich einig: Das ist weit mehr als ein schnelllebiger Trend.

Als medienwirksames „Schlankwunder“ machte zunächst vor allem die Diabetes-Spritze Ozempic Schlagzeilen. Viele Anwender:innen verloren damit nach jahrelangen, gescheiterten Diätversuchen deutlich an Gewicht. Ursprünglich ist Ozempic jedoch zur Blutzuckerkontrolle bei Typ-2-Diabetes zugelassen – die Anwendung zum Abnehmen erfolgt nach wie vor off-label. Anders Wegovy: Das ebenfalls vom dänischen Pharmakonzern Novo Nordisk produzierte Medikament ist speziell zur Behandlung von Übergewicht und der chronischen Stoffwechselerkrankung Adipositas zugelassen. Beide Präparate enthalten den Wirkstoff Semaglutid – im Gegensatz etwa zu Mounjaro, das auf das deutlich teurere Tirzepatid setzt. Semaglutid gehört zur Klasse der GLP-1-Rezeptor-Agonisten: Es steigert das Sättigungsgefühl, dämpft den Hunger und verlangsamt die Magenentleerung. In Ozempic ist der Wirkstoff allerdings niedriger dosiert als in Wegovy. Ein bemerkenswertes Detail: Laut Hersteller gilt Semaglutid als der am längsten untersuchte Wirkstoff seiner Klasse – mit einer klinischen Erfahrung von kumuliert über 33 Millionen Patient:innenjahren.

Mehr Hilfe als Hype

Das bedeutet freilich nicht, dass Semaglutid frei von Nebenwirkungen ist. Zu den häufigsten zählen Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen und Übelkeit. Manche Frauen berichten von einer Art „Dauersättigung“, die sich ebenso befreiend wie befremdlich anfühlen kann. „90 Prozent der Anwender:innen, die wir betreuen, haben überhaupt keine unangenehmen Begleiterscheinungen“, relativiert der Kremser Facharzt DDr. Gerald Jahl, der bereits rund 500 Patient:innen beim Gewichtsmanagement mit Abnehmspritzen begleitet hat. Lediglich zwei hätten die Behandlung abgebrochen – einmal wegen einer generellen Medikamentenunverträglichkeit, einmal aufgrund von Migräne. Insgesamt überwiegen die Vorteile deutlich, so der Experte. Rund zwei Drittel seiner Patient:innen seien Frauen. „Sie sind hormonell im Nachteil – besonders mit Beginn der Wechseljahre“, sagt Jahl. Wegovy wirke dabei gewissermaßen „im Hintergrund“ auch hormonell ausgleichend: „Die Frauen fühlen sich wieder wohler, haben mehr Energie und schlafen besser.“ Als große Erleichterung empfinden viele das Verstummen des sogenannten Food Noise – jenes inneren Dauerrauschens, bei dem sich die Gedanken permanent ums Essen drehen. Wichtig ist dabei: Es geht nicht darum, rasch „ein paar Kilos loszuwerden“. Für den Einsatz gelten klare medizinische Kriterien. Wegovy ist zugelassen für Menschen mit Adipositas (BMI ab 30) sowie für Personen mit Übergewicht (BMI ab 27), sofern zusätzlich gewichtsbedingte Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Prädiabetes, Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorliegen.

Multimodale Therapie

Das Vorgehen ist unkompliziert: Nach ärztlicher Einführung spritzt man den Wirkstoff einmal pro Woche selbst – meist subkutan in Bauch oder Oberschenkel. Die Nadel ist nur vier Millimeter lang und hauchdünn. So entsteht der wöchentliche „Spritzentag“, der beibehalten wird, bis das Zielgewicht erreicht ist. Das erste Ziel: fünf Prozent des Körpergewichts verlieren – das klappt meist innerhalb von etwa zwei Monaten. Gleichzeitig zeigen sich schon erste gesundheitliche Effekte: Der Blutdruck sinkt, Arthrose-Beschwerden lassen nach. Das zweite Etappenziel ist eine Reduktion um zehn Prozent des Ausgangsgewichts, verbunden mit weiteren gesundheitlichen Vorteilen.

Kostenpunkt: Die monatliche Einstiegsdosis liegt bei knapp 212 Euro, die Maximaldosis von Wegovy mit 2,4 Milligramm Semaglutid kostet in der Apotheke 333 Euro. Unter bestimmten Voraussetzungen zahlen die Kassen. „Bislang hat sich noch keine Patientin darüber beschwert, dass die Behandlung das Geld nicht wert wäre“, sagt Jahl. Ein großes Problem: Viele nehmen nach dem Absetzen der Spritze wieder stark zu, wenn sie nicht ärztlich begleitet werden. „Medizinische Begleitung ist keine Option, sie ist zwingend notwendig. Das beginnt bei den wichtigen Basisuntersuchungen“, betont Jahl. Um einen Jo-Jo-Effekt zu verhindern, darf Wegovy nicht abrupt gestoppt werden, sondern muss mindestens zwölf Wochen lang schrittweise reduziert werden. Gleichzeitig muss das neu erlernte Essverhalten beibehalten werden.

Das bedeutet: weiterhin „Low Carb“ essen, also einfache Kohlenhydrate (wie Pasta, Gebäck, Reis) reduzieren, dafür mehr Protein (Fisch, Geflügel, Soja) und Gemüse auf den Teller. „Es geht nicht darum, weniger zu essen, sondern das Richtige“, erklärt Jahl. Seine Patient:innen erhalten ein E-Book mit allen wichtigen Infos zum Stoffwechsel. Wer versteht, wie der Körper funktioniert, tut sich deutlich leichter. Letztlich sei die Spritze nur „eine Unterstützung auf dem Weg zu mehr Gesundheit“. Der Erfolg hängt von einem multimodalen Ansatz ab: Erst wenn Ernährung, Bewegung und psychologische Komponenten zusammenkommen, wird das Abnehmen mit Spritze nachhaltig und erfolgreich. Die psychologische Komponente wird oft unterschätzt: „Emotionaler Stress spielt eine große Rolle. Wenn ich aber wieder gut schlafe, habe ich weniger Hunger und bin motivierter, aktiv zu sein“, erklärt Jahl.

Blurred image background

WUNDERSPRITZE? Wegovy wirkt, ist aber kein Wellness-Shot – ärztliche Begleitung ist nicht optional, sondern Pflicht: „Nur so lässt sich ein Jo-Jo-Effekt verhindern."

 © Stocksy

Gefahr von Missbrauch

Bewegung sei essenziell, um Muskelschwund vorzubeugen. Bei schwerem Übergewicht kann das anfangs Wassergymnastik sein, bevor tägliches Spazierengehen möglich ist. „Da die Spritze Entzündungsmediatoren senkt, reduzieren sich die Gelenkschmerzen. Nach zwei Monaten können viele sogar ihre Bluthochdruck-Medikamente halbieren.“ Auch gegen Craving – etwa nach Alkohol oder Nikotin – zeigt Wegovy Wirkung: „Die Spritze kann so viel, das wird leider viel zu selten erwähnt.“ Wichtige Hinweise für Patient:innen: Sie müssen von Beginn der Therapie an ausreichend trinken und Mikronährstoffe ergänzen. „Je weniger Kalorien man zu sich nimmt, desto nährstoff- und proteinreicher sollte die Ernährung sein. Viele Anwenderinnen supplementieren nach Blut-Checks B-Vitamine, Eisen und Vitamin D.“

Die Patient:innen schlafen besser, haben mehr Energie und weniger Hunger.

DDR. GERALD JAHL
Bild

So klar der Nutzen für viele Frauen ist, so deutlich zeigt sich auch eine Kehrseite: Der gesellschaftliche Druck, schlank zu sein, steigt. Die mediale Begeisterung über „Magic Shots“ droht ein Frauenbild wiederzubeleben, das sich ausschließlich über Äußerlichkeiten definiert. Wenn Prominente Medikamente für ernsthafte Erkrankungen nutzen, nur um ihre Silhouette für den Red Carpet zu perfektionieren, ist das ethisch problematisch und kein Fortschritt. „Neue Präparate werden auf den Markt kommen, die Preise sinken, und selbst 20-Jährige könnten Wege finden, um an die Spritze kommen“, skizziert Jahl ein düsteres Zukunftsszenario. Die Gefahr: Ein ungesunder Lebensstil wird mit der Spritze kompensiert.

In deutschsprachigen Ländern, vor allem in Österreich, stößt die Abnehmspritze immer noch auf Ressentiments. Patient:innen gelten oft als „zu faul“ oder „zu wenig diszipliniert“, um auf natürlichem Weg abzunehmen, und würden eine „Abkürzung“ suchen, so der Tenor. Das Thema sei hierzulande schambehaftet („Mein Mann darf nie davon erfahren!“), während es in skandinavischen Ländern längst zur Standardtherapie zählt. Neuer Trend aus den USA: Dort wird Semaglutid gerade als Longevity-Mittel entdeckt. Schlanke Menschen spritzen den Wirkstoffin Mikrodosen, um Hirnerkrankungen wie Alzheimer vorzubeugen. Die offizielle Zulassung dafür fehlt freilich noch.

Über die Autor:innen

-20% auf das WOMAN Abo