
DIAGNOSTIK. Wenn Lebensstilanpassungen nicht ausreichen oder spezifische Symptome auftreten, ist ärztliche Abklärung und Unterstützung gefragt.
©StocksyChronische Müdigkeit ist mehr als nur eine Folge von zu wenig Schlaf. Sie ist ein Zeichen, dass etwas nicht im Gleichgewicht ist. Mediziner Carsten Lekutat verrät, wie man Lebenskraft und Energie zurückgewinnt.
Gibt es das? Miriam ist Anfang 40, eine berufstätige Frau und engagierte Mutter. Früher war sie eine Sportskanone, die Energie im Überfluss zu haben schien. „Als sie zu mir in die Praxis kam, hatte sie bereits eine wahre Odyssee hinter sich: Hausarzt, Internisten, Neurologen, sogar ein Psychiater“, erinnert sich der deutsche Mediziner Carsten Lekutat. Doch die frustrierende Diagnose, die Miriam immer wieder erhielt, war stets die gleiche: „Medizinisch ist alles in Ordnung. Ihnen fehlt nichts.“
Also begab sich der Arzt auf systematische Spurensuche. Dabei zeigten sich folgende Befunde: ein abgeflachtes Cortisol-Tagesprofil, was auf eine gestörte Stressregulation der Nebennieren hindeutet. Zudem fanden sich leicht erhöhte TPO-Antikörper, ein früher Hinweis auf eine beginnende autoimmune Schilddrüsenerkrankung vom Typ Hashimoto-Thyreoiditis.
Auffällig waren außerdem deutlich erhöhte Reverse-T3-Werte. Diese sprechen für eine verminderte Umwandlung des aktiven Schilddrüsenhormons T4 in das wirksame T3 – ein typisches Muster bei chronischem Stress, entzündlichen Prozessen, wiederkehrenden Infektionen oder anhaltendem Nährstoffmangel.
Was war zu tun? Der Mediziner verabreichte Selen, hochdosiertes Vitamin D, Intervallfasten, Blaulichtfilter Brillen und Magnesiumglycinat. Bereits nach acht Wochen ging es der Patientin deutlich besser. Was anfänglich wie ein klassisches Burn-out aussah, entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als ein komplexes hormonell-entzündliches Syndrom. Experte Lekutat: „Nur durch das parallele Justieren der verschiedenen Stellschrauben konnte sie wieder gesund werden. Es ist diese detektivische Arbeit, dieses Zusammensetzen der Puzzleteile, was mich in der Medizin so fasziniert.“
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Energiemangel-Gesellschaft
Miriams Geschichte ist kein Einzelfall. Sie zeigt vielmehr exemplarisch, wie vielschichtig chronische Müdigkeit sein kann – und warum einfache Antworten hier selten greifen. Carsten Lekutat hat sein Wissen rund um dieses Thema nun in einem umfassenden Ratgeber veröffentlicht.
Die Zielgruppe: Menschen, die das Gefühl haben, dass ihre Energie im Alltag verloren gegangen ist, die sich ausgebrannt fühlen und sich nicht mit einem „Da ist nichts“ abspeisen lassen. Häufige Gründe hinter Erschöpfung sind gerade bei Frauen oft unerkannte hormonelle Dysbalancen wie etwa Schilddrüsenunterfunktion (auch „latent“) oder Veränderungen in den Wechseljahren. Auch bei chronischer Überforderung spart der Körper Energie ein: Anhaltender beruflicher sowie emotionaler Druck, fehlende Regenerationsphasen oder Schlaf ohne echte Erholung versetzen das Nervensystem in ständige „Alarmbereitschaft“ – Abschalten ist dann kaum mehr möglich.
Oftmals unterschätzt werde ein Nährstoff mangel. Bei Stress, Infekten, vegetarischer oder veganer Ernährung und bei Darmproblemen fehlt es oft an Eisen (auch ohne Anämie!), Vitamin B12, Vitamin D, Magnesium, Zink, Omega-3-Fettsäuren und Selen. Auch bei zu wenig Eiweiß, langen Esspausen, stark verarbeiteten Lebensmitteln und Kalorienmangel schaltet der Körper in den Sparmodus.
4 Micro-Preps gegen Müdgikeit
AFTER MEAL BURNER
Ein zügiger Spaziergang nach einer Mahlzeit ist eine gezielte Strategie, um den Blutzuckerspiegel auszugleichen. Beugt dem Nachmittags-tief vor! Grund: Die Muskeln sind die größten Zuckerverbraucher im Körper. Indem Sie sich bewegen, nehmen Ihre Muskelzellen Glukose aus dem Blut auf, wodurch der Blutzuckerspiegel stabil bleibt und die Insulinsensitivität verbessert wird.
NASENATMUNG IM SCHLAF
Atmen Sie bewusst durch die Nase – auch im Schlaf. Das verbessert die Sauerstoffaufnahme und fördert die Produktion von Stickstoffmonoxid (NO), welches die Blutgefäße erweitert. Zudem wird der Vagusnerv aktiviert, der für Entspannung sorgt. Manchen hilft das vorsichtige Abkleben des Mundes mit einem Pflaster („Mouth Taping“) – aber nur nach ärztlicher Rücksprache!
DIGITALE ENTGIFTUNG
Ständige digitale Erreichbarkeit versetzt das Gehirn in einen Dauerbereitschaftsmodus, was das Stresssystem (HPA-Achse) alarmiert. Das Blaulicht der Bildschirme unterdrückt zudem die Melatoninproduktion. Daher: Zwei Stunden vor dem Schlafengehen Handy und Laptop ausschalten!
FITTE MITOCHONDRIEN
Chronischer Stress schädigt die Energieproduzenten jeder Zelle. Bei nachgewiesenem Mangel sollte gezielt supplementiert werden mit Coenzym Q10, L-Carnitin, B-Vitami nen, Magnesium und Zink.
Welcher Typ bin ich?
Um herauszufinden, woran es einem fehlt, kann man in einem Online-Test seinen „Müdigkeits-Typ“ bestimmen. Lekutat unterscheidet vier Haupttypen, betont jedoch, dass sich die Symptome überlappen können – sie dienen einer ersten Orientierung:
1. Der Nährstoffmangel-Typ.
Hier entsteht die Müdigkeit durch einen „verborgenen Hunger“ der Zellen, bei dem trotz scheinbar ausreichender Ernährung essenzielle Mikronährstoffe fehlen. Mängel an Eisen, Vitamin D3, B-Vitaminen und Magnesium beeinträchtigen die zelluläre Energieproduktion in den Mitochondrien sowie wichtige Prozesse im Immun- und Hormonsystem. Dies führt zu Muskelschwäche und Brain Fog.
2. Der Hormon-Typ.
Hier resultiert die Erschöpfung aus Dysbalancen von Hormonen wie Schilddrüsen- und Sexualhormonen sowie der Stoffwechselstörung Insulinresistenz. Bei der Insulinresistenz reagieren die Zellen unempfindlich auf Insulin, sodass der Zucker im Blut verbleibt, die Zellen aber hungern, was zu Energieabstürzen und Brain Fog führt. Eine versteckte Schilddrüsenunterfunktion oder der Reverse-T3- Effekt bremsen den Stoffwechsel zusätzlich aus, was sich in Form von Trägheit und Kälteempfindlichkeit äußern kann.
3. Der Entzündungs-Typ.
Die Hauptursache der Erschöpfung ist die „silent inflammation“, ein unsichtbares, chronisches Feuer im Körper, das keine klassischen Schmerzsignale aussendet. Diese unterschwellige Entzündung aktiviert kontinuierlich das Immunsystem und verbraucht massiv Energie, da sie die Mitochondrien schädigt und oxidativen Stress erhöht. Dies äußert sich als tief sitzende Erschöpfung, die sich mit dem Gefühl, „wie durch Schlamm zu waten“, vergleichen lässt.
4. Der/die seelisch Erschöpfte.
Die bleierne Müdigkeit wird durch chronischen Stress und eine Überlastung der HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) verursacht. Das Stresshormon Cortisol gerät aus dem Takt, wodurch der vitalisierende Morgen-Peak fehlt und der natürliche Abfall am Abend ausbleibt. Betroffene fühlen sich morgens wie gerädert, sind innerlich unruhig, reizbar und leiden unter Erschöpfung, die sich nicht einfach wegschlafen lässt.


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Müdigkeit ist kein Zustand, den man aushalten sollte, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Wenn das System heißläuft
Müdigkeit äußert sich also sehr individuell und vielschichtig – sie kann morgens oder nachmittags verstärkt auftreten, körperlich oder seelisch bedingt sein. „Ohne den spezifischen Müdigkeitstyp zu kennen, ist eine gezielte und effektive Lösung schwierig“, sagt Lekutat. Die verschiedenen Ursachen seien oft miteinander verwoben und beeinflussen sich gegenseitig.
Kaum etwas spielt eine so wichtige Rolle für unsere Energie wie die HPA-Achse. Sie ist das zentrale Stress- und Anpassungssystem des Körpers und steuert die Ausschüttung des Hormons Cortisol, das für Energiebereitstellung, Blutdruckstabilität, Entzündungshemmung und Wachheit verantwortlich ist.
Bei anhaltendem Stress, schlechter Ernährung oder chronischem Schlafmangel gerät die HPA-Achse aus dem Gleichgewicht: Cortisol wird ungleichmäßig oder zu niedrig ausgeschüttet, was zu einem abgeflachten Tagesprofil führt. Dies beeinträchtigt die Energiebereitstellung. Chronische Müdigkeit ist daher oft ein Ausdruck einer dysregulierten HPA-Achse, bei der der Körper in einen Energiesparmodus schaltet, um sich vor Überlastung zu schützen.
Was Sie sofort tun können
Eine gestörte HPA-Achse lässt sich nicht einfach mit Medikamenten „reparieren“ – entscheidend sind systemische Maßnahmen, die den Körper entlasten, Stress reduzieren und die natürlichen Rhythmen wiederherstellen. Unabhängig vom Müdigkeitstyp empfiehlt der Mediziner vier Säulen zur Energiewende, die das Fundament bilden, auf dem die individuellen Empfehlungen aufbauen. Diese vier elementaren Säulen sind:
1. Schlafmanagement.
Priorisieren Sie Schlafqualität überquantität. „Dunkelheit, Rhythmus und Nasenatmung sind dabei wichtige Hebel“, so Lekutat. Halten Sie sich an einen festen Schlaf-Wach-Rhythmus, und etablieren Sie Abendrituale wie ein warmes Bad, leichtes Dehnen, Lesen oder Atemübungen.
2. Der richtige Treibstoff.
Essen Sie zu jeder Mahlzeit Proteine (Fisch, mageres Fleisch, Nüsse, Tofu), und fördern Sie die Darmgesundheit mit fermentierten Lebensmitteln (rohes Sauerkraut, Kefir, ungesüßtes Joghurt) sowie mit präbiotischen Ballaststoffen (reichlich in Zwiebeln, Knoblauch, Spargel). Reduzieren Sie raffinierten Zucker, Fertiggerichte und Softdrinks („Ultra-Processed Foods“). Trinken Sie ausreichend!
3. In die Gänge kommen.
Moderates Training stärkt die Mitochondrien und senkt Entzündungen. Ein zügiger Spaziergang nach den Mahlzeiten (15 bis 20 Minuten) gleicht Blutzuckerschwankungen aus. Integrieren Sie Bewegung in den Alltag (Treppen statt Aufzug, zwischendurch „Hampelmänner“ machen, kurze Wege zu Fuß erledigen), aber vermeiden Sie Übertraining. Oft ist wohldosierte Bewegung an der frischen Luft der Ausweg aus einer lähmenden Spirale der Antriebslosigkeit.
4. Stressbewältigung.
"Achtsamkeit, Atemübungen, Meditation oder Waldbaden sind wertvolle Werkzeuge“, weiß Carsten Lekutat. Auch bewusste Offline-Zeiten (besonders abends) und gute soziale Kontakte fördern unsere psychische Balance. Und vielleicht das Allerwichtigste: Lernen Sie, gesunde Grenzen zu setzen und somit Überforderung durch bewusstes Ablehnen zu vermeiden.






