
Spaziergang gegen die Zeit: Wie Longevity-Experte Nils Behrens mit kleinen Schritten ein großes Versprechen gibt - und warum besonders Frauen davon profitieren.
Ganz ohne Pathos spricht Nils Behrens, 52, über das größte Projekt der Menschheit: Länger leben. Und doch wirkt er nicht wie ein Mann, der dem Tod den Kampf angesagt hat. Kein asketischer Biohacker mit Kältekammer im Keller, kein Silicon-Valley-Prophet mit Blutplasma-Abo. „Ich hasse Longevity“, sagt er. Und meint damit die Idee, immer älter zu werden, egal, wie diese Jahre aussehen. Wenn er über Langlebigkeit spricht, dann nicht in Jahren oder gar Jahrhunderten, sondern in Schritten. „Einfach losgehen“, sagt er. „Der Rest kommt.“


EASY. Kleine Hacks, die viel bewirken: Zähneputzen auf einem Bein, morgens ein Glas warmes Wasser oder Nüsse als Snacks.
© StocksyDer Titel seines neuen Buchs klingt fast poetisch: „Spaziergang zur Unsterblichkeit. Mit kleinen Schritten länger besser leben“. Wissenschaftsjournalist und Bestsellerautor Bas Kast, der wiederum in seinem Ratgeber „Der Vitamin- und Nährstoffkompass“ den aktuellen Stand der Forschung zum Thema Nahrungsergänzungsmittel zusammenfasst, empfiehlt Behrens’ Buch als „die perfekte Einstiegsdroge in Sachen Longevity“. Behrens, der mehr als zwölf Jahre lang als Chief Marketing Officer der Lanserhof-Gruppe tätig war und den Podcast Healthwise hostet, gehört zu jener neuen Generation von Gesundheitsdenker:innen, die sich vom Extremismus der Selbstoptimierung distanzieren. Stattdessen setzt er auf die stille Revolution des Alltags: regelmäßige Bewegung, soziale Bindungen, Schlaf, bewusste Ernährung, mentale Stabilität. Der „Spaziergang“ ist bei ihm nicht Metapher, sondern Methode. Eine, von der insbesondere Frauen profitieren: Sie leben im Durchschnitt fünf bis sieben Jahre länger als Männer, verbringen aber mehr Jahre mit chronischen Erkrankungen. „Eine Rolle spielt dabei unter anderem der sinkende Östrogenspiegel nach den Wechseljahren“, sagt Behrens.
Wir baten ihn zum Gespräch.


DER EXPERTE Nils Behrens erforscht Wege zu einem längeren Leben, arbeitet als Speaker, Autor und Berater und hostet den Gesundheitspodcast „Healthwise“.


NICHT VERHANDELBAR. „Eine gute Muskulatur ist die beste Altersvorsorge“, betont Gesund-Experte Nils Behrens.
© StocksyWarum und seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema Langlebigkeit?
Aufgrund meiner Liebe zum Sport hatte ich immer schon einen Hang zur Selbstoptimierung. Und als ich dann in die Lanserhof-Gruppe eingestiegen bin, hat mich der ganzheitliche Ansatz begeistert. Also zum Beispiel, dass Rückenschmerzen auch durch einen verkrampften Darm entstehen können oder Hüftleiden durch Zahnprobleme. Gleichzeitig ist mir bewusst geworden, wie wenig unser derzeitiges Reparaturmedizin-System diese Zusammenhänge beachtet.
Ich hasse Longevity“, sagen Sie. Warum?
Weil vieles, was heutzutage unter diesem Deckmantel läuft, der falsche Ansatz ist. Ich will nicht maximal lange, sondern maximal gesund leben – und das so lange wie möglich. Alles, was man heute für seine Langlebigkeit tut, sollte einem bereits heute Freude bereiten. Wenn nicht, dann passt es nicht zu unserem Leben.
Ich gehe nicht gerne ins Gym. Also kann ich auf Krafttraining verzichten
Nein! Krafttraining ist ein Hormoncocktail auf Abruf und gerade für Frauen ab der Lebensmitte essenziell. Schon nach einer kurzen Einheit steigen Testosteron und Wachstumshormone messbar an. Wer trainiert, macht seinen Körper zu einer Apotheke, die auf Knopfdruck die richtigen Medikamente ausschüttet – ohne Nebenwirkungen. Ab dem 30. Lebensjahr verlieren wir – wenn wir nichts dagegen tun – jedes Jahrzehnt bis zu fünf Prozent Muskelmasse. Und ab dem 60. Lebensjahr beschleunigt sich dieser Prozess noch einmal deutlich. Die Folgen sind dramatisch: weniger Kraft, mehr Stürze, höhere Gebrechlichkeit, längere Genesungszeiten und geringere Selbstständigkeit. Es geht nicht darum, nackt gut auszusehen, sondern um Autonomie im Alter.
Und wenn es mir trotzdem keinen Spaß macht?
Ganz ehrlich: Ich mochte es früher auch nicht. Heute bin ich fast süchtig danach. Im Sommer 2024 hat sich bei mir ein Schalter umgelegt. Ich bin in ein kleines Boutique-Gym eingetreten, und die Trainer dort haben gesehen, dass die Gewichte, die ich benutzt habe, zu niedrig waren. Die zehnte Wiederholung sollte man kaum noch schaffen können. Plötzlich habe ich tatsächlich Erfolge gesehen – und war motiviert.
Mich setzt das unter Druck.
Krafttraining beginnt Spaß zu machen, wenn man Fortschritte sieht. Ich bereue nicht viel in meinem Leben, aber sehr wohl, dass ich mit Krafttraining nicht schon früher begonnen habe. Es ist ein Investment fürs Immunsystem, den Stoffwechsel und in die mentale Gesundheit. Wer das einmal verstanden hat, sieht die Hantelbank in einem ganz anderen Licht.
Nach „Spaziergang“ klingt das aber nicht …
Okay, Sie müssen nicht ins Gym. Sie können mit dem eigenen Körpergewicht trainieren. Ich bin ein Fan der „7 Minuten“-Fitness-Apps: Da führen Sie zwölf Übungen für je 30 Sekunden durch. Das ist für viele angenehmer als die Anweisung: Mach 20 Kniebeugen! Nein, du machst so viele Kniebeugen, wie du in 30 Sekunden schaffst. In der New York Times wurde dieser Ansatz sehr gehypt: Sieben Minuten täglich sind für jeden und jede zu schaffen. Ich habe das selbst zwei Jahre lang praktiziert, vor allem auf Reisen.
Wozu raten Sie Frauen noch?
Der härteste Einschlag für Frauen ist der Tag der Menopause. Die Sarkopenie, also der Muskelabbau, verdoppelt sich ab diesem Zeitpunkt. Estradiol, das wichtigste weibliche Sexualhormon mit großer Schutzfunktion fürs Herz und Gehirn, aber ebenso für die Knochendichte, sinkt kontinuierlich. Hormonwissenschaftlerin Dr. Katharina Burkhardt betont, dass fast jede Frau, mit ganz wenigen Ausnahmen, von einer individuell angepassten bioidenten Hormontherapie profitiert. Viele fürchten ein erhöhtes Brustkrebsrisiko – eine Angst, die auf einer Studie beruht, die längst überholt ist. Wer begreift, dass die Menopause kein Ende ist, sondern ein biologischer Wendepunkt, kann seine Gesundheit nicht nur bewahren, sondern bewusst verlängern.
Welche Nahrungsergänzungsmittel würden Sie Frauen ab 40 unbedingt empfehlen?
Ich bin ein Fan von „Messen – Machen – Messen“. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen, wenn sie nördlich von Mailand wohnen, einen Vitamin-D- und K-Mangel haben, ist sehr hoch, es sei denn, sie supplementieren. Das Gleiche gilt für Magnesium, speziell, wenn Frauen Stress haben oder Sport betreiben. Magnesiumglycinat, abends eingenommen, fördert erholsamen Schlaf und wird am besten vertragen. Und: Wir nehmen generell zu viel Omega-6-Fettsäuren auf, wodurch das Fettsäure-Verhältnis nicht mehr stimmt. Um stillen Entzündungen vorzubeugen, sollten wir daher Omega-3-Fettsäuren ergänzen. Bei Frauen sind zudem die Mängel an Vitamin B9 (Folsäure) und B12 ausgeprägter, da sie sich häufig fleischarmer ernähren als Männer.
Ist auch Eisenmangel ein Thema?
Ja. Und es macht mich richtig wütend, dass sich so wenige Ärzt:innen gut damit auskennen. Die meisten Referenzwerte geben für Frauen Ferritin – also den Eisenspeicher – zwischen 15 und 150 µg/l an. Mit einem Wert von 17 µg/l wäre man demnach noch im grünen Bereich. Das wäre aber so, als würde man eine Vierminus in der Schule feiern. Die Ferritinwerte sollten zwischen 50 und 70 µg/l liegen, bei sportlich aktiven Frauen mit Menstruationszyklus noch höher, sodass sie sich leistungsfähig und stabil fühlen. Oft wird dann auch noch falsch supplementiert: Man braucht nämlich erst eine solide Vitamin-C-Basis, damit das Eisen überhaupt in den Zellen aufgenommen werden kann.
Was nehmen Sie selbst?
Eines meiner Lieblings-Supplements ist Kreatin. Viele Frauen schrecken zunächst zurück, weil Kreatin die Wassereinlagerung in der Muskelzelle erhöht. Tatsächlich bedeutet das aber lediglich, dass der Muskel besser hydriert ist. Das lässt den Körper oft sogar athletischer wirken – nicht aufgeschwemmt. Kreatin unterstützt die schnelle Bereitstellung von Energie, kann den Muskelabbau reduzieren und ist damit ein wertvoller Begleiter für Frauen in jeder Lebensphase.


ERGÄNZUNG. Frauen fehlt es am häufigsten an Vitamin D + K, Magnesium, Vitamin B9 und B12 sowie an Eisen.
© Stocksy

Nils Behrens gibt in „Spaziergang zur Unsterblichkeit. Mit kleinen Schritten länger besser leben“ hilfreiche Tipps. Next Level Verlag, € 22,–.
