
Gerad im täglichen Miteinader sind zwischenmenschliche Interaktionen eine leise, aber tiefgreifende Kraft. Eine Psychosomatik-Ärztin verrät, warum Nähe so essentiell und heilsam für uns ist.
Wir funktionieren, organisieren, kümmern uns, tragen Verantwortung – in unserem Alltag sind wir ständig am Tun und in Bewegung. Berührungen rutschen dabei schnell ans Ende der Prioritätenliste. Dabei sind sie kein Luxus, kein „Nice-to-have“, sondern vielmehr ein menschliches Grundbedürfnis.
Schon Neugeborene sind auf Berührung angewiesen. Studien zeigen, dass Babys, die regelmäßig liebkost werden, sich emotional stabiler entwickeln, besser wachsen und ein stärkeres Immunsystem aufbauen. Dieses Bedürfnis verschwindet nicht mit dem Erwachsenwerden – es wird nur leiser, oft überdeckt von Pflichten, Erwartungen und einem hektischen Lebensstil. Ein Mangel könne sich etwa „durch innere Unruhe, Reizbarkeit, depressive Verstimmungen, das Gefühl, ‚nicht ganz da‘ zu sein, zeigen“, weiß Michaela Maria Arnold.
Die Fachärztin für Psychosomatische Medizin erklärt: „Die Haut ist unser größtes Sinnesorgan. Über Millionen an Rezeptoren sendet sie Informationen direkt an unser Gehirn. Eine bewusste, achtsame Berührung kann innerhalb von Sekunden messbare Veränderungen im Körper auslösen.“ Gerade bei Frauen könne sinnliche körperliche Wahrnehmung eine tiefgreifende Wirkung entfalten. Denn viele von uns haben gelernt, stark sein zu müssen, so Michaela Maria Arnold, durchzuhalten und ihre eigenen Bedürfnisse hintanzustellen. Doch der Körper vergisst nicht. Er sehnt sich nach Nähe, nach Gehaltenwerden, nach einem Moment des Innehaltens: „Zärtliche Zuwendungen erinnern uns daran, dass wir nicht nur leisten, sondern auch fühlen dürfen. Sie stärken gleichzeitig das Körpergefühl, beruhigen den Geist und berühren die Seele.“
SELBSTBESTIMMUNG. „Spezielle Nervenfasern sprechen auf positiven, gewollten Kontakt an und vermitteln ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden“, sagt die Medizinerin. Gleichzeitig werde unser Nervensystem reguliert: „Wir kommen aus der Anspannung wieder in einen Zustand von Ruhe und Ausgeglichenheit.“ Sanftes, achtsames Anfassen kann im Körper eine ganze Kaskade positiver Prozesse auslösen. „Atmung und Herzschlag werden ruhiger“, so Arnold. Auch Oxytocin, das sogenannte Bindungshormon, werde vermehrt ausgeschüttet. Es fördert Vertrauen und Verbundenheit. Gleichzeitig sinken Stresshormone wie Cortisol, Muskeln können loslassen, was wiederum Schmerzen lindert.
Die Expertin betont, wie wichtig es ist, „sich das Gefühl der Nähe bewusst
zu erlauben: Das können innige Umarmungen innerhalb der Familie oder mit Freund:innen sein, simple Gesten in der Nachbarschaft oder mit Kolleg:innen, unterschiedlichste Massage-Techniken, Tanzen, Sex, aber auch Selbstberührung.“
HEILSAME WIRKUNG. Katrin Gerber, Bereichsleiterin eines großen Konzerns, gönnt sich zum Beispiel regelmäßige Ganzkörper-Massagen und resümiert: „Ich lebe derzeit in keiner Beziehung, habe keine kleinen Kinder mehr. Ich vermisse körperliche Nähe und fühle mich manchmal einsam. Massagen geben mir einen guten Ausgleich. Sie helfen mir, zur Ruhe zu kommen, mein gedankliches Sorgenkarussell zu stoppen.“
Arnold bestätigt: „Ängste entstehen häufig dort, wo wir uns allein, überfordert oder nicht sicher fühlen. Körperliche Zuwendung wirkt hier wie ein sanfter Anker.“ Schon eine Hand auf dem Rücken oder ein liebevolles Anfassen signalisieren dem Körper: Du bist nicht allein. Selbst bei Schmerzen oder Depressionen können körperliche Interaktionen eine sanfte Hilfe bieten. Ob durch Massage oder liebevolle Nähe im Alltag – Berührungen wirken auf mehreren Ebenen. „Sanftes Angefasstwerden setzt stimmungsaufhellende Botenstoffe frei und führt unsere Gefühlswelt wieder ins Gleichgewicht. Deshalb erleben viele Hautkontakte als wohltuend und schmerzlindernd, gerade bei Rücken-, Nacken- oder Unterleibsbeschwerden“, erklärt die Ärztin für Psychosomatik.
Doch nicht jede Berührung wirkt heilsam. Entscheidend ist die Qualität. Achtsame körperliche Interaktionen sind langsam, präsent und respektvoll. Sie erwarten nichts, wollen nichts reparieren. Sie sind einfach da. Gerade Frauen, die viel geben, erleben es als tiefenentspannend, einmal nichts leisten zu müssen. Nur zu empfangen. Nur zu sein. Körperliche Zuwendung kann emotionale Blockaden sichtbar machen, ein Gefühl von Angenommensein erzeugen. Manchmal fließen Tränen. Manchmal entsteht Stille. Beides ist Ausdruck von Regulation und innerer Bewegung. Michaela Maria Arnold bringt es auf den Punkt: „Gesundheit beginnt oft genau dort, wo wir uns berühren lassen – leiblich, seelisch und zwischenmenschlich.“
Info
„ANGST UND SCHMERZ KÖNNEN SICH LÖSEN" Ärztin Michaela Maria Arnold weiß, wie lebenswichtig körperliche Nähe für unser Wohlbefinden ist. Wie bemerkt man einen Mangel an Nähe überhaupt? Oft zeigt sich das nicht direkt, sondern eher indirekt: durch innere Unruhe, erhöhte Anspannung, ein stärkeres Stressempfinden oder das Gefühl von Einsamkeit. Manche schlafen schlechter oder fühlen sich weniger ausgeglichen. Ein Hinweis kann sein, dass man sich nach bestimmten Situationen - etwa nach einem Abend mit vertrauten Menschen - plötzlich deutlich wohler und „genährter" fühlt. Das macht oft erst bewusst, was im Alltag vielleicht gefehlt hat. Wie und wo findet man Hilfe? Vor allem in der Familie sowie im Freundes- und Bekanntenkreis kann wohltuende Nähe entstehen. Es lohnt sich, Beziehungen bewusst zu pflegen. Man kann sich auch durch Berührung selbst regulieren und wieder mehr im eigenen Körper ankommen. Darüber hinaus helfen Massage- und Physiotherapie, um zu einem positiven Körpergefühl beizutragen - ein erster Schritt, um auch wieder mehr auf andere Menschen zugehen zu können. Warum erleben Menschen Berührungen so unterschiedlich? Wie wir körperliche Nähe empfinden, ist stark durch unsere bisherigen Erfahrungen geprägt. Wer sie als etwas Sicheres und Positives erlebt hat, kann Nähe meist gut annehmen. Wer hingegen negative oder grenzüberschreitende Erfahrungen gemacht hat, reagiert oft sensibler oder mit Abwehr. Auch Persönlichkeit, kulturelle Prägung und die aktuelle Lebenssituation spielen eine Rolle. Wichtig ist: Es gibt kein „richtig" oder „falsch". Entscheidend ist immer, dass Berührung freiwillig ist und sich für die jeweilige Person stimmig anfühlt. Inwiefern wirkt Zuwendung therapeutisch? Sie reguliert unser Nervensystem. Gerade bei chronischen Beschwerden oder psychischer Belastung trägt sie dazu bei, aus einem Zustand dauerhafter Anspannung herauszufinden. Manchmal ist zusätzlich eine medikamentöse Begleitung sinnvoll.