
Das Lieblingscafé, der kleine Park oder die Buchhandlung im Grätzel ermöglichen Begegnungen ohne Verpflichtung – und wirken Einsamkeit entgegen. Warum wir diese Third Places heute dringender brauchen denn je.
Manchmal sind es die kleinen Begegnungen im Alltag, die den Unterschied machen: ein kurzer Plausch mit der Nachbarin im Park, ein Heißgetränk im Stammcafé ums Eck oder ein spontanes Treffen auf dem Sportplatz. Solche Momente gehen leicht unter, wenn Termine und Verpflichtungen den Tag bestimmen. Auch ich merke das: In meinem Alltag verschwimmen Arbeit, Freizeit und Zuhause oft, spontane Auszeiten sind rar geworden. Mir wird in letzter Zeit immer stärker bewusst, dass mir etwas fehlt, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es wieder brauche: einen Third Place.
Autonomie, Freiheit und Gemeinschaft
Der Begriff Third Place („Dritter Ort“) geht auf den US-amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zurück. Ende der 1980er-Jahre beschrieb er damit Orte jenseits von Zuhause und Arbeit, an denen Menschen informell zusammenkommen: Parks, Bars, Cafés, Gemeindezentren, Museen, Sportplätze oder Bibliotheken. Third Places sind freiwillig, niedrigschwellig und nicht zweckgebunden, Plätze, an denen man nichts leisten muss und gerade deshalb Gemeinschaft entsteht. In TV-Serien begegnen uns solche Orte immer wieder: Lorelai und Rory Gilmore hängen in Luke’s Diner ab, Carrie Bradshaw tratscht mit ihren „Sex and the City“-Freundinnen in der Magnolia Bakery bei einem Cupcake, die Clique rund um Ted Mosby aus „How I Met Your Mother“ trifft sich regelmäßig spontan im MacLaren’s Pub, um kleine Auszeitenzu genießen.
„Aus psychologischer Perspektive erfüllen Third Places eine wichtige Ausgleichsfunktion“, erklärt Wohn- und Architekturpsychologe Herbert Reichl, der sich intensiv mit den psychologischen Funktionen von Wohn- und Aufenthaltsräumen beschäftigt. Man unterscheidet zwischen First Places, meist der eigenen Wohnung, und Second Places, wie Arbeits- oder Bildungseinrichtungen. Beide sind für Erwachsene mit Aufgaben und Verbindlichkeiten verbunden. „Der Third Place ist schließlich der Raum dazwischen, der eine gewisse Freiheit von den Verbindlichkeiten des Familien- und Arbeitslebens ermöglicht“, so der Experte. Kurzum: ein Ort, an dem wir uns wohlfühlen und der mit keinerlei To do’s einhergeht.
Eben diese Freiheit macht Third Places so wertvoll: Sie ermöglichen es, im Alltag für kurze Zeit abzuschalten. Erholung wird zwar oft mit Urlaub gleichgesetzt, doch die Forschung zeigt: Für nachhaltigen Stressabbau sind vor allem kurze Phasen der Entspannung entscheidend. „Aus bedürfnisorientierter Sicht haben Third Places die Aufgabe, solche kurzen Erholungsmomente zu ermöglichen“, erklärt Reichl. Gleichzeitig erfüllen sie zentrale menschliche Bedürfnisse: Autonomie, indem man selbst entscheidet, wie man seine Zeit verbringt, und Gemeinschaft, indem man gleichzeitig Teil einer sozialen Umgebung ist. „In Cafés etwa ist man von anderen Menschen umgeben, ohne zu Interaktion verpflichtet zu sein. Die Möglichkeit dazu besteht aber, wenn man sie nutzen möchte.“


Das Lieblingscafé wird zum neuen Third Place!
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Wenn der Raum zum Durchatmen fehlt
Doch was passiert, wenn diese Orte im Alltag fehlen, wenn es keine selbstverständlichen Räume mehr gibt, in denen man kurz aussteigen kann? Regelmäßiger Verzicht auf Third Places kann negative Folgen für die psychische Gesundheit haben. Mehrere Studien belegen, dass Menschen, die keine Gelegenheiten haben, Begegnungen in Cafés, Parks oder Nachbarschaftszentren zu erleben, häufiger Symptome von Einsamkeit, chronischem Stress und emotionaler Erschöpfung entwickeln. Herbert Reichl weiß: „Ohne solche Rückzugsräume steigt der Stress, und das Gefühl sozialer Einbindung wird geschwächt.“ Besonders deutlich wird das bei Menschen mit hohen Alltagsanforderungen. Fehlen Third Places, haben sie kaum Möglichkeiten, kurze Auszeiten zu nehmen, soziale Kontakte zu pflegen oder ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Für Familien oder Berufstätige kann sich der Alltag dadurch deutlich belastender anfühlen.
Und wenn sogar der Second Place wegfällt – was dann?
Ein weiterer Aspekt, der im Zusammenhang mit Third Places zunehmend relevant wird, ist das Wegfallen von Second Places – also klar definierten Arbeitsorten – durch Homeoffice beziehungsweise selbstständiges Arbeiten. „Je mehr Mängel in den First und Second Places vorhanden sind, umso wichtiger werden die Third Places und alle ihre Abwandlungen“, erklärt Reichl. Besonders deutlich werden dabei Fragen von Identität und Identifikation. „Wer bin ich und womit identifiziere ich mich, ist vielleicht schwieriger zu beantworten, wenn man keinen Arbeitsplatz und keinen Arbeitsraum hat“, so der Psychologe. Fehlt der Second Place als strukturierender Gegenpol zum Zuhause, verschwimmen nicht nur Arbeit und Privatleben, auch die eigene Rolle im Alltag wird unschärfer. Third Places können hier eine ausgleichende Funktion übernehmen, indem sie Distanz zum Wohnraum schaffen und neue Formen von Orientierung und Alltagserleben ermöglichen. Auch mir wird als Homeoffice-Arbeitende zunehmend klar, wie wichtig es ist, Abstand zu gewinnen, soziale Kontakte zu erleben und einfach einmal jemand anderes zu sein als nur eine „Mitarbeiterin zu Hause“.
Digital Spaces als dritter Ort?
In unserer zunehmend digitalen Welt stellt sich natürlich auch die Frage: Können Online-Räume die fehlenden sozialen Treffpunkte ersetzen? Chat-Gruppen, Online-Communitys oder virtuelle (Gaming-)Events schaffen laut einer Studie der University of Nebraska und der University of North Texas tatsächlich Möglichkeiten für informelle Begegnungen, Austausch und wiederkehrende Kontakte – also genau die Dinge, die wir an klassischen Third Places schätzen. Man kann dort Spaß haben, Neuigkeiten teilen oder einfach „dabei sein“, ohne das Haus zu verlassen.
Doch die digitale Welt hat, wie wir wohl alle schon gespürt haben, ihre Grenzen. Das spontane Gespräch am Nachbartisch, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, das gemeinsame Entdecken eines neuen Lieblingsorts im Grätzel – all das lässt sich online nicht nachbilden. Studien zeigen zwar, dass digitale Begegnungen besser sind als gar keine sozialen Kontakte. Einen vollwertigen Ersatz für das persönliche Miteinander stellen sie aber nicht dar.
Third Places sind kleine Inseln im täglichen Trubel – Orte, an denen wir einfach sein dürfen, ohne etwas leisten zu müssen. Wer sie in sein Leben lässt, schafft Raum für jene Begegnungen und Pausen, die im Tagesgeschehen oft verloren gehen.
Und vielleicht müssen wir dafür gar nicht nach Stars Hollow reisen. Luke’s Diner, auf das wir bei den „Gilmore Girls“ ein wenig neidisch sind, existiert womöglich längst: im Café an der Ecke, auf dem Basketballplatz im Park oder im nahen Yoga-Zentrum. Manchmal braucht es nur einen zweiten Blick, um den Ort zu entdecken, dem man sich zugehörig fühlt.





