Scheinfasten - Recycling für die Zellen

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
12 min
SO TUN ALS OB. Scheinfasten ermöglicht dem Körper einen Reset, ohne auf Nahrung zu verzichten.©Stocksy

Die „Fasting Mimicking Diet" versetzt den Körper in einen Reparaturmodus, soll Krankheiten vorbeugen und uns länger jung halten. Krebsforscherin Dr. Hanna Heikenwälder hat sie selbst ausprobiert und zieht Bilanz.

Blurred image background

Hanna Heikenwälder

 © Privat

Dezember 2025: Eine Nachricht sorgt für Aufsehen. Erstmals zeigt eine kontrollierte Humanstudie, dass die sogenannte „Fasting Mimicking Diet“ (Scheinfasten) beim Menschen messbar Prozesse stimuliert, die bislang vor allem aus Tierversuchen bekannt waren – darunter Autophagie, also jene zelluläre Selbstreinigung, die als biologisches Aufräumprogramm gilt. Gleichzeitig verbessern sich dadurch Marker der metabolischen Gesundheit. Kein Paukenschlag, eher ein nüchterner Befund. Und doch einer, der eine Frage neu aufwirft: Kann man dem Körper gezielt eine Pause gönnen, ohne ganz auf Essen zu verzichten?

Hinter der Idee steht Prof. Dr. Valter Longo, ein weltweit führender Wissenschaftler auf dem Gebiet des Alterns. Er fand heraus: Weniger essen heißt länger leben. Der gebürtige Italiener widmet sich vor allem der Frage, wie die verschiedenen Formen des Fastens ihre gesundheitlichen Wirkungen in unserem Körper entfalten. Und er kam zu dem Schluss: Fasten hat viele positive Effekte. Doch wirklich gerne tun es die wenigsten. Also entwickelte er eine alltagstaugliche Lösung: das Scheinfasten.

Dem Körper eine Pause geben

Damit nützt man die Vorteile des Fastens, ohne gänzlich auf Essen verzichten zu müssen. Um dem Körper vorzugaukeln, er befinde sich im Fastenzustand, ist die Kalorienzufuhr stark reduziert, der Eiweißanteil extrem niedrig, Zucker fast nicht vorhanden. Ein typischer Scheinfasten-Tag könnte so aussehen: Kräutertee am Morgen, dazu eine kleine Portion Macadamia-Nüsse. Mittags eine leichte Gemüsesuppe mit etwas Olivenöl. Ein paar Oliven oder Mandeln als Snacks, abends gedünstetes Gemüse mit etwas Avocado oder einem Teelöffel Olivenöl; optional eine kleine Portion Beeren.

Die Logik dahinter ist biochemisch: Sinkende Insulin- und IGF-1-Spiegel, leere Glykogenspeicher, ein Stoffwechsel, der umschaltet. Erst dann, so Longos These, beginnt der Körper mit Reparaturarbeiten – vom Abbau beschädigter Zellbestandteile bis hin zur verbesserten Insulinsensitivität. Die Studie aus dem Winter 2025 fügt diesem Bild nun ein menschliches Mosaiksteinchen hinzu. Über mehrere Zyklen hinweg zeigten die Teilnehmenden Anzeichen erhöhter Autophagie-Aktivität sowie günstigere Werte bei Blutzucker, Triglyceriden und Entzündungsmarkern. Die Autor:innen blieben vorsichtig: keine Wunder, keine Versprechen – aber ein Signal.

Blurred image background

 © Stocksy

Popularität der Methode steigt

Typische Fasteneffekte, ohne vollständig auf Nahrung zu verzichten: Für viele ist das der perfekte Kompromiss zwischen Alltag und Reset. Fit Reisen, Deutschlands führender Veranstalter für Gesundheitsreisen, hat die Fastentrends 2026 ermittelt und kommt zum Ergebnis: „Mit einem Wachstum von 50 Prozent zeigt sich, dass die Methode besonders bei gesundheitsaffinen Zielgruppen an Popularität gewinnt.“

Molekularbiologin und Krebsforscherin Dr. Hanna Heikenwälder betont: „In Studien kann Scheinfasten bei Mäusen und Menschen bestimmte Stoffwechselmarker verbessern, die mit dem Altern und Krankheiten in Zusammenhang stehen.“ Ein gesundes Körpergewicht, längere Essenspausen und eine bewusste Ernährung seien die entscheidenden Faktoren, die sich positiv auf unser Krebsrisiko und die Lebenserwartung auswirken. „Regelmäßiges Scheinfasten kann uns dabei unterstützen, weil es Fasten und Abnehmen leichter gestaltet. Natürlich kann es keine Wunder wirken, wenn wir außerhalb der Fastenperioden sehr ungesund und zu viel essen oder sogar rauchen und übermäßig Alkohol trinken.“

Sie selbst hat das 5-Tage-Scheinfasten-Programm von Prolon® getestet: Es enthält morgens jeweils einen Riegel aus Nuss und Honig und einen Tee. Mittags gibt es Gemüsesuppe, Oliven und Cracker, abends ebenfalls Suppe. Dazu: Supplements mit Mikronährstoffen, Tees und Drinks, die mit Wasser verdünnt getrunken werden. „Überraschenderweise habe ich das Frühstück als reichhaltig und sättigend empfunden“, erzählt die Krebsforscherin. Sie isst morgen sonst nur ein Naturmüsli mit Sojamilch. „Die Suppen mittags und abends waren frisch und angenehm im Geschmack. Ich habe das Fasten nicht als sonderlich schwierig empfunden und fand die Zeitersparnis sehr angenehm. Man muss weder einkaufen noch kochen oder überlegen, was es zu essen gibt. Aber nach den fünf Tagen habe ich mich schon sehr über einen frischen Salat und einen Apfel gefreut. Das echte Essen fehlt einem irgendwann“, so das Resümee der Forscherin.

Fünf Tage sind ohnedies genug. Länger soll man nicht fasten, um Stress und Nährstoffmängel zu vermeiden. Begründer Valter Longo empfiehlt das Scheinfasten idealerweise viermal im Jahr (möglich ist es bis zu zwölf Mal). Grundsätzlich propagiert er eine an die mediterrane Diät angelehnte Ernährungsweise („Longevità-Diät“).

In der Krebsprävention spielt die Ernährung eine entscheidende Rolle. „Etwa 20 Prozent aller Krebsfälle gehen auf das Konto von Übergewicht“, weiß Heikenwälder. Das niedrigste Krebsrisiko haben Erwachsene mit einem Body Mass Index im unteren bis mittleren Normalbereich (also etwa BMI 21). Auch Tiere leben länger und gesünder bei einer kalorienreduzierten Diät. Es geht aber nicht nur um die Menge, sondern vor allem um die Qualität unserer Lebensmittel: „Hochverarbeitete Fleischwaren gelten als krebserregend. Auch rotes Fleisch sollte man maximal einmal pro Woche verzehren und industriell hochverarbeitete Nahrungsmittel so weit wie möglich meiden. Am besten, man kocht selbst – abwechslungsreich und pflanzenbetont“, rät die Krebsforscherin.

Ist der Protein-Hype übetrieben?

Longos Scheinfasten-Diät enthält – entgegen dem allgemeinen Trend – sehr wenig Eiweiß. Aus gutem Grund: „Essentielle Aminosäuren gelten als starke Aktivatoren eines Signalwegs namens mTOR, der das Zellwachstum anregt, die Autophagie und damit den Recycling-Prozess in unseren Zellen unterdrückt“, erklärt Heikenwälder. Dieser Wachstums-Signalweg werde als starker „Pro-Aging“-Reiz gesehen. „Ich halte den aktuellen Proteinwahn ohnehin für übertrieben“, sagt die Expertin. Ein gewisses Maß an essentiellen Aminosäuren sei notwendig, doch man müsse eine optimale Dosis finden, die unseren Bedarf deckt, ohne dabei wachstumsstimulierende Signalwege übermäßig anzukurbeln. Die „Hundertjährigen“ in den Blue Zones trinken sicher keine Proteinshakes: „Sie essen pflanzenreich mit wenig Eiweiß aus hauptsächlich Fisch, Geflügel oder Hülsenfrüchten und bewegen sich viel.“ Sehr wohl aber gönnen sie ihrem Stoffwechsel regelmäßig Phasen niedriger Kalorien- und Proteinzufuhr. Was sie also ganz selbstverständlich leben, hat heute einen Namen: „Scheinfasten“.

Über die Autor:innen

-20% auf das WOMAN Abo