
WEITBLICK. Im 20. Stock des Wiener Ringturms diskutierten Sonja Brandtmayer und Ursula Strauss über die Priorität finanzieller Zukunftsvorsorge
©Nicole ViktorikSchauspielerin Ursula Strauss und Sonja Brandtmayer, Generaldirektor-Stellvertreterin der Wiener Städtischen, über die Macht, die entsteht, wenn Frauen ihre Finanzen im Griff haben.
- Wenn Sie das Wort Geld hören: Was ist das Erste, das Ihnen in den Sinn kommt – Rechnungen, Luxus oder vielleicht sogar Stress?
- Ursula, Sie haben erzählt, dass Sie schon einmal komplett die Kontrolle über Ihr Geld verloren haben …
- Viele Frauen sind unglaublich kompetent, aber dennoch oft unsicher, wenn es um finanzielle Themen geht. Warum ist das so?
- Welche Verantwortung haben Menschen in öffentlichen Positionen, um andere zu motivieren, das Thema Geld ernst zu nehmen?
- Wie haben Sie dieses Bewusstsein entwickelt?
Wir alle kennen die Zahlen: Gender Pay Gap, Gender Pension Gap, Gender Care Gap – und das Problem, dass sich an all dem nur langsam etwas ändert. Frauen verdienen in Österreich im Schnitt über zwölf Prozent weniger als Männer, ihre Pensionen liegen im Alter oft sogar um ein Drittel darunter. Doch die eigentliche Lücke ist unsichtbar: jene im Bewusstsein.
Wie schaffen wir es, dass wir über Geld endlich genauso selbstverständlich sprechen wie über Urlaube, Beziehungen oder Selfcare? Unter dem Motto „Frau sorgt vor“ hat die Wiener Städtische eine Kampagne gelauncht, die genau das thematisiert und Frauen dazu aufruft, ihre finanzielle Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. „Ich wollte nie wieder in meinem Leben abhängig sein“, so Ursula Strauss beim WOMAN ELEVATE Circle im 20. Stock des Wiener Ringturms. Als Spokeswoman der aktuellen Werbekampagne der Wiener Städtischen ist ihr das Thema auch ein persönliches Anliegen: „Als ich noch sehr jung war, habe ich Geld rausgeschmissen, das ich nicht hatte.
Damals habe ich wirklich die Kontrolle verloren, auch weil ich keine Ahnung hatte, wie man damit umgeht. Es war ein einschneidendes Erlebnis, das mich gelehrt hat, zu wirtschaften, weil ich nicht will, dass mir das jemals wieder passiert.“ Sonja Brandtmayer unterstreicht die Erfahrung von Strauss: „Finanzielle Unabhängigkeit ist kein Luxus, sondern Lebensqualität.“ Ein Gespräch zwischen persönlichen Perspektiven und gesellschaftspolitischem Appell.
Wenn Sie das Wort Geld hören: Was ist das Erste, das Ihnen in den Sinn kommt – Rechnungen, Luxus oder vielleicht sogar Stress?
Selbstbestimmtheit. Ich denke an die Freiheit und Sicherheit, die es mir gibt. Ich bin in einer sehr traditionellen Familie aufgewachsen: Mein Vater ging arbeiten, meine Mutter hat sich um meinen Bruder und mich gekümmert. Für mich als einziges Mädchen in der Familie war es „nicht vorgesehen“, mir das Thema Geld nahezubringen. Erst später habe ich verstanden, was finanzielle Eigenständigkeit wirklich heißt.
Ich denke sofort an Verantwortung. Meine Großmutter war während des Zweiten Weltkrieges Alleinerzieherin und hat allen Frauen in der Familie immer mitgegeben, niemals von einem Mann oder der Gesellschaft abhängig zu sein. Das hat mich geprägt. Für mich ist finanzielle Unabhängigkeit eine Form von Selbstachtung. Ich sage gern: Kenne deine Zahlen. Die eine oder andere hier wirft sicher täglich einen Blick auf die Waage. Der Check des Bankkontos gehört genauso dazu. Ich weiß jeden Tag, wie mein Kontostand aussieht, welche Ziele ich habe und wie ich sie erreiche. Das gibt mir Selbstvertrauen. Viele Frauen scheuen diesen Blick aus Angst. Aber Wissen ist der erste Schritt zur Kontrolle. Und Kontrolle ist der erste Schritt zur Freiheit. Eine neue Handtasche ist für mich nicht attraktiv. Für mich ist es sexy, zu wissen, dass ich mit drei Monatsgehältern vorgesorgt habe und eine Basisabsicherung da ist, wenn ich zum Beispiel in eine andere Stadt ziehen möchte.
Ursula, Sie haben erzählt, dass Sie schon einmal komplett die Kontrolle über Ihr Geld verloren haben …
Ja, das war Anfang 20. Ich hatte kein Gefühl dafür, wie man mit seinen Finanzen umgeht – und plötzlich war nichts mehr da. Mein Vater hat mir damals aus der Patsche geholfen und mir einen klaren Plan auferlegt, wie ich es ihm zurückzahle. Das war meine finanzielle „Erweckung“. Ich habe daraus gelernt. Seitdem kenne ich meine Zahlen ganz genau – nicht die auf meiner Waage (lacht), aber die auf meinem Konto.


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Viele Frauen sind unglaublich kompetent, aber dennoch oft unsicher, wenn es um finanzielle Themen geht. Warum ist das so?
Weil es ein Tabu ist, das über Generationen weitergegeben wurde. Das ändert sich zum Glück auch durch einige Finfluencer:innen auf Instagram langsam. Aber wir brauchen noch mehr Gespräche, Vorbilder und Aufklärung. Finanzielle Bildung ist die neue Form von Feminismus. Ein offener Austausch und das gegenseitige Stärken hilft uns Frauen, uns in der Gesellschaft nicht nur zu behaupten, sondern den Platz einzunehmen, der uns zusteht.
Welche Verantwortung haben Menschen in öffentlichen Positionen, um andere zu motivieren, das Thema Geld ernst zu nehmen?
Ich empfinde meinen Beruf und das, was ich erleben und erreichen durfte, als großes Privileg. Und damit geht auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung einher. Insofern ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, anderen eine Stimme zu geben. Ich bin auch UN-Botschafterin für „Orange the World“ (eine Kampagne gegen Gewalt an Frauen, die zwischen dem 25.11. und dem 10.12. stattfindet, Anm.). Eine große Problematik von Frauen, die in Gewaltbeziehungen leben, ist die nicht stattfindende finanzielle Unabhängigkeit. Sehr oft bleiben Frauen in diesen Strukturen hängen, weil sie nicht wissen, wo sie mit sich oder mit den Kindern hin können.
Das kann ich nur unterstreichen. Ich bin im Vorstand der Wiener Frauenhäuser, hier gibt es zwar sehr viel Unterstützung durch die Stadt Wien, aber es muss in der Bundesregierung ankommen, dass die Frauen diejenigen sind, die diese Gesellschaft zusammenhalten und unbezahlt unglaublich viel Care-Arbeit übernehmen – Zeiten, die in der Pension nicht entsprechend anerkannt werden. Daher ist mein Appell: Kümmern wir uns mehr um uns selbst. Wir brauchen einen gesunden Egoismus, dann können wir auch für andere da sein


© Nicole Viktorik
Wie haben Sie dieses Bewusstsein entwickelt?
Ich muss wieder auf meinen Vater zurückkommen – er hat mich gezwungen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, also Versicherungen abzuschließen und auch eine Wohnung zu kaufen, weil er meinte, Miete zahle ich ja sowieso, da kann ich auch einen Kredit zurückzahlen. Das war zu einer Zeit, in der ich in einer freien Szene in Wien gearbeitet habe und ein sehr unsicheres Einkommen hatte. Er hat mir einen Teil des Erbes im Voraus bezahlt, das waren 35.000 Schilling. Heute bin ich ihm unendlich dankbar dafür. Dieses Eigentum ist meine große Absicherung, und die habe ich mir in einer Zeit erwirtschaftet, in der nicht klar war, ob dieser Job für mich zum Erfolg führen wird.
Mir ist zum Abschluss eine Botschaft wichtig: Ein Partner ist keine Pensionsvorsorge! Niemand sollte Angst haben, dass private finanzielle Vorsorge ein Luxusgut ist, sondern einfach mal starten und den Betrag dann entsprechend einem steigenden Einkommen anpassen. Mein Tipp: Für sich selbst Termine in den Kalender eintragen, bei denen man sich genau darum kümmert, denn: Finanzielle Vorsorge ist Selfcare.
Über die Autor:innen

Melanie Zingl
Melanie ist seit 2007 bei der Verlagsgruppe News (VGN) tätig. 2016 wurde sie Leitende Redakteurin und 2018 Stellvertretende Chefredakteurin. Seit 2024 ist Melanie Chefredakteurin bei WOMAN. Ihr erklärtes Ziel: "Make the World more WOMAN. Weil wir davon überzeugt sind, dass eine gleichberechtigte Welt eine bessere ist."








