Wie können wir noch mit Männern leben?

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Mann mit Froschmaske

©Stocksy

Fälle wie jene von Gisèle Pelicot und Collien Fernandes haben das Vertrauen zwischen Frauen und Männern erschüttert. Was trotz allem Hoffnung macht – und was auch jene beitragen müssen, die „nicht so sind“.

Damit hatte niemand mehr gerechnet. Mit zitternder Stimme stand Collien Fernandes Ende März in der Hamburger Innenstadt auf einer Bühne vor Tausenden Menschen. Es war der Höhepunkt einer Demonstration für den Schutz von Opfern sexualisierter Gewalt. Aufgrund von Sicherheitsbedenken hatte die 44-jährige deutsche Schauspielerin ihren Auftritt kurz zuvor abgesagt. Dann kam sie doch. „Ich stehe jetzt hier mit einer schusssicheren Weste, mit Polizeischutz und mit Security, weil ich Morddrohungen bekomme“, sagt sie, als ihre Stimme bricht. Tage zuvor veröffentlichte der Spiegel einen Artikel, in dem die Schauspielerin schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhebt. Jahrelang soll der Schauspieler und Comedian, mit dem Fernandes eine Tochter hat, Fake-Profile mit pornografischen Inhalten über sie erstellt und verbreitet haben. „Ich wollte hier rauskommen und stark sein, aber ich schaff’s gerade nicht“, erklärte Fernandes in Hamburg. Nicht nur in Deutschland hat der Fall eine gesellschaftliche Debatte über sexualisierte und digitale Gewalt losgetreten. Viele erinnert er an jenen der Französin Gisèle Pelicot.

Dabei wird die Frage laut: Wie sollen Frauen Männern noch vertrauen? Mit ihnen gemeinsam – und angstfrei – leben können, wenn viele von ihnen davor zurückschrecken, sich kritisch dazu zu äußern? Soziologin und Pädagogin Elli Scambor vermutet dahinter zwei Gründe: „Viele schweigen wohl, weil sie sich nicht zuständig fühlen, weil sie den Eindruck haben, dass sie nichts damit zu tun haben – oder weil sie Angst haben, selbst infrage gestellt zu werden.“ Das sei fatal, denn: „Solange geschlechterbezogene Gewalt und Gleichstellung als ‚Frauenthemen‘ gelten, wird das so bleiben. Die Dynamik verändert sich erst, wenn klar wird: Das Problem sind gewaltaffine Männlichkeitsvorstellungen, wie sie in der sogenannten Manosphere verbreitet werden.“ Widerspricht man diesen nicht, ist man Teil des Problems. Erst „wenn Fürsorge, Verantwortung und Verletzlichkeit gesellschaftlich sichtbar und anerkannt werden, entstehen reale Alternativen zu gewaltförmigen Praxen“, gibt Scambor zu bedenken. „Genau darin liegt die Hoffnung – aber auch die Konfliktlinie der kommenden Jahre.“

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