Granny Life: Warum junge Menschen den Oma-Style lieben

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Warum junge Menschen plötzlich ein Leben im Oma-Style führen. Stricknadeln statt Smartphone: Was wie ein nostalgischer Rückzug wirkt, ist für viele zu einem stillen Rettungsanker geworden. Eine Psychotherapeutin erklärt die Gründe hinter dem Trend.

An einem Dienstagabend, irgendwo zwischen Alltag und Erschöpfung: Auf der Couch, eine Tasse Tee neben mir, klackert die Häcknadel. Draußen blinkt das Stadtleben - Einladungen, Nachrichten, Termine. Doch der Gedanke, noch einmal hinzugehen, wirkt fremd. Stattdessen entsteht Masche für Masche eine Mütze. Es ist ruhig. Und diese Ruhe fühlt sich an wie ein kleiner Luxus - jedenfalls viel besser als jeder Drink in irgendeiner überfüllten After-Work-Bar.

Was früher als altmodisch galt, wird heute zum Statement für Millennials: Der Granny Lifestyle - ein bewusst entschleunigtes Leben mit typischen "Oma-Aktivitäten" wie Stricken (#hotgirlknitclub), Gärtnern, frühem Schlafengehen, Backen oder ausgedehnten Teezeremonien. Er hat sich vom ironischen TikTok-Trend zu einer Haltung entwickelt. Auch junge Menschen der Generation Z, überfordert von Dauerstress und digitalen Lärm, suchen in vermeintlich "alten" Ritualen nach Erdung. Diese Haltung spiegelt sich auch in der Mode wider: Lesebrillen, Rüschenblusen, gestrickte Westen, Opa-Socken oder retro-gemusterte Cardigans sind derzeit angesagt. Celebrities wie Billie Eilish oder Kristen Stewart machen es vor - und viele folgen.

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HANDY WEG. Analoge Hobbys als stiller Aufstand gegen Überforderung in der digitalen Welt

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Die Sehnsucht nach dem "Echten"

Das Bedürfnis nach beruhigenden Alltagsritualen dürfte kein Zufall sein: Entschleunigung ist längst mehr als ein Modewert. Sie ist ein stiller Aufstand gegen die Überforderung einer Welt, die nie abschaltet. Laut der aktuellen Ö3-Jungendstudie beschreibt rund ein Viertel der 16- bis 25-Jährigen ihren psychischen Zustand als "eher schlecht". Eine Untersuchung der Initiative Mental Health Days ergab: 68 Prozent dieser Altersgruppe erlebten in den vergangenen zwei Wochen Niedergeschlagenheit oder Hoffnungslosigkeit

Vor diesem Hintergrund erscheinen Aktivitäten wie Häkeln, Backen oder Balkongärtnern besonders attraktiv. "Es gibt einen tiefen Wunsch nach Langsamkeit, Sicherheit und Geborgenheit", erklärt die Wiener Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger. "Granny-Hobbys" geben Orientierung. Sie verbinden uns mit etwas Echtem. " Vielleicht liegt genau darin ihr Zauber: In einer Zeit, in der fast alles virtuell, flüchtig und reproduzierbar ist, schaffen Handarbeiten eine sichtbare Spur. ein gestrickter Schal, ein selbst gebackenes Brot - sie sind kleine Beweise dafür, dass Tun noch Wirkung haben kann. "Am Ende halte ich etwas in der Hand. Das Digitale ist. zwar schillernd und großartig, aber oft nicht nachvollziehbar. Wenn ich meine eigenen Erdbeeren wachsen sehe, passiert das in einem Tempo, dass auch für den Menschen verständlich ist. Es überfordert uns nicht", so die Therapeutin.

Mir fällt auf: Genau deshalb finde ich Häkeln so entspannend. Jede Maschine bringt mich weiter zu einem handfesten Outcome, das Tempo bestimme ich selbst. Wenn die Hände beschäftigt sind, folgt zudem oft der Geist. Tätigkeiten wie Kochen, Gärtnern oder Sticken geben dem Körper eine klare Aufgabe: Wasser aufsetzen, Erde lockern, Maschen zählen, Fäden verknüpfen. Diese Wiederholungen erzeugen eine Struktur, die im Alltag oft fehlt. Psycholog:innen sprechen von "embodied cognition" - dem Zusammenspiel von Körper und Geist, bei dem physische Handlungen helfen, innere Unruhe abzubauen.

Wolle statt WhatsApp: Sicherheit in unsicheren Zeiten

Die Welt wirkt unberechenbar: Klimakrise, wirtschaftliche Unsicherheit, politische Instabilität. Mehr als die Hälfte der unter 25-Jährigen machen sich laut Studien Sorgen um ihre Zukunft. In dieser fragilen Stimmung gewinnen analoge Tätigkeiten am Bedeutung - sie bieten Stabilität in einer Zeit, die sich ständig verschiebt. "Granny-Hobbys sind eine Art Psychohygiene - sie schaffen eine sichere Insel. Sie vermitteln: Ich kann gut nachvollziehen, was sie meint: Wenn ich sehe, wie aus einem Teig ein Brot wird oder aus Wolle eine Mütze, dann liegt das in meiner Hand. ich bin selbstwirksam. Wir sind in vielerlei Hinsicht abhängig - von politischen Entscheidungen, aber auch von digitalen Geräten. "Schon ein kaputtes Smartphone kann ganze Tage lahmlegen. Da wirken Hobbys wie Häkeln, Backen oder Gärtnern wie kleine Gegengifte . greifbar, steuerbar, selbst gemacht", sagt die Wiener Therapeutin.

Zwischen Selfcare und Rückzug

Natürlich ist der Granny Lifestyle kein Allheilmittel. Er schafft Pausen, Sicherheit und Selbstwirksamkeit, aber er kann das Leben "da draußen" nicht ersetzen. "Die Grenze liegt dort, wo Rückzug nicht mehr regenerativ ist, sondern zur Isolation führt", warnt Leibovici-Mühlberger. Denn: "Das Ich erkennt sich immer im Du - ohne andere verlieren wir uns selbst." Vielleicht erklärt das, warum der Trend längst Gemeinschaft sucht: Granny Circles, Sticknächte im Café, Häkeln im Kino. Das Bedürfnis nach Ruhe schließt das nach Verbindung nicht aus, es ergänzt es. Ich merke das auch: Wenn ich drei Abende hintereinander Kreuzworträtsel löse, während meine cozy Playlist läuft, fühle ich mich wohl und geborgen.

Aber spätestens am vierten Tag brauche ich doch wieder meine Freund:innen uns sogar dieses After-Work-Event, auf das ich anfangs keine Lust hatte. Möglicherweise ist genau dieses Wechselspiel der Schlüssel: hier meine Inseln der Ruhe, dort die bedrohliche Welt.

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OMA-LOOK. In Frühpension? Sängerin Billie Eilish bei der Oscar-Verleihung mit Brosche am Blazer, weißen Stutzen und Chanel-Täschchen aus Tweed.

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Eine leise Revolution

Was als nostalgisches Spiel begann, könnte sich zu einer Haltung entwickeln, die Generationen verbindet. Der Granny Lifestyle ist kein Rückschritt, sondern eine Rückbesinnung auf das, was wir tun, wenn niemand zusieht. Auf Rituale, die beruhigen, weil sie Bestand haben. "Wenn junge Menschen diese Rituale an die nächste Generation weitergeben, entsteht vielleicht ein nachhaltigeres Lebensmodell - weniger Konsum, mehr Sein", hofft Leibovici-Mühlberger.

Noch findet die leise Revolution nur in vereinzelten Bubbles statt. Sie riecht nach frischem Brot, klingt nach klackernden Nadeln - und passiert, wenn das Handy endlich auf den Tisch liegen bleibt. Doch wer weiß: Vielleicht ist in Zukunft nicht mehr die Designer-Tasche das Statussymbol, sondern der Flechtkorb mit dem selbst geernteten Gemüse - handgemacht statt geshoppt, Nachhaltigkeit statt Fast Fashion.

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