Gastbeitrag: Im Job bleiben oder gehen?

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Konkrete Strategien für deine berufliche Neuorientierung, ohne dein Leben morgen auf den Kopf zu stellen - Gastbeitrag von Isabella Raunigk.

Stell dir folgendes Szenario vor: Du hast die letzten Wochen mit dir gerungen. Hast die Signale erkannt (Teil 2). Hast deine inneren Saboteure entlarvt (Teil 3). Hast die "Ich darf"-Liste geschrieben. Und jetzt sitzt du da und denkst: "Okay, ich will Veränderung. Aber wie zur Hölle macht man das eigentlich?"

Die naheliegendste Antwort: Kündigen. Tabula rasa. Knall auf Fall raus, dann seh ich schon weiter. (Spoiler: das funktioniert in 95 Prozent der Fälle nicht so glamourös wie auf Instagram.)

Ich habe schon einige Frauen begleitet, die genau das gemacht haben. Mittwochnachmittag Sinnkrise-Peak im Büro, abends die Kündigung getippt, Freitag abgegeben. Und dann: drei Monate Schockstarre auf der Couch, weil sie nicht wussten, wohin. Manche hatten Glück. Aber die meisten?

Real Talk: Eine Kündigung Knall auf Fall ist kein Plan. Das ist eine Reaktion. Manchmal eine notwendige (wenn dich der Job wirklich zerstört, raus, sofort, ohne Wenn und Aber). Aber meistens nicht die strategisch klügste.

Was du stattdessen brauchst, ist eine bewusste Entscheidung zwischen vier Wegen.

Vier Wege aus der Sinnkrise

Wenn du an einem Punkt bist, wo etwas sich ändern muss, hast du grundsätzlich vier Optionen.

Weg 1: Bleiben und verändern

Du bleibst in deinem aktuellen Job, aber du gestaltest ihn um. Andere Aufgaben, andere Verantwortung, andere Bedingungen. Die Hülle bleibt, der Inhalt verändert sich.

Weg 2: Neuer Arbeitgeber, ähnliche Tätigkeit

Du gehst, aber bleibst in deinem Fach. Neue Firma, neues Team, neue Kultur, vielleicht neue Branche, aber im Kern machst du das, was du kannst und gelernt hast. Der Hebel ist der Kontext, nicht der Inhalt.

Weg 3: Berufliche Neuorientierung

Du machst etwas grundsätzlich anderes. Umschulung, zweiter Bildungsweg, Quereinstieg, neue Ausbildung. Du baust dir ein neues berufliches Standbein auf, weil das alte dir nicht mehr passt oder nie wirklich gepasst hat.

Weg 4: Selbstständigkeit

Du baust dein eigenes Ding auf. Mehr Selbstbestimmung, mehr Risiko, mehr Verantwortung für alles. Du gestaltest deinen Tag, deine Werte, deine Themen und deine Kund:innen selbst.

Wichtig: Diese Wege schließen sich nicht aus. Manchmal ist Weg 1 der Zwischenschritt zu Weg 2, 3 oder 4. Manchmal merkst du auf Weg 2, dass du eigentlich Weg 3 gebraucht hättest. Manchmal beginnt Weg 4 mit Weg 3 als Vorbereitung. Es ist kein Einwegticket.

Welcher Weg passt zu dir? Die Diagnostik-Fragen

Bevor du dich für einen Weg entscheidest, lohnt es sich, ehrlich zu prüfen, woran es eigentlich hakt. Nicht jede Unzufriedenheit braucht denselben Hebel.

Hol dir das Energieprotokoll aus Teil 2 nochmal raus (du hast doch eines gemacht, oder? :)). Schau dir die Energiefresser an und stell dir folgende Fragen:

•       Liegt's am Inhalt deiner Arbeit? Wenn die Aufgaben selbst dir nichts bedeuten, hilft auch die netteste Kollegin im Büro nicht. Eher Weg 3 oder 4.

•       Liegt's am Kontext? Du machst eigentlich gern, was du machst, aber Team, Führungskultur, Politik, das Drumherum frisst dich auf. Eher Weg 2.

•       Liegt's an den Bedingungen? Du magst Job und Kontext, aber Arbeitszeit, Bezahlung, Flexibilität passen nicht zu deinem Leben. Eher Weg 1 oder Weg 2 mit besseren Konditionen.

•       Liegt's an der Branche? Die ganze Industrie steht für etwas, das du nicht mehr unterstützen willst. Eher Weg 2 in eine andere Branche, Weg 3 oder Weg 4.

•       Liegt's an deinem ursprünglichen Berufsweg? Du merkst, dass du eigentlich nie dort hinwolltest, wo du gelandet bist. Dass das, was du studiert oder gelernt hast, nicht mehr zu dir passt oder nie gepasst hat. Eher Weg 3.

•       Liegt's am Modell Anstellung? Du fühlst dich grundsätzlich eingeengt, willst selbst entscheiden, willst dein eigenes Ding bauen. Eher Weg 4.

Eine Klientin von mir war monatelang davon überzeugt, sie müsse kündigen. Wir haben das Energieprotokoll gemacht, und siehe da: 80 Prozent ihrer Energiefresser waren ein einziger Mensch in ihrem Team. Nicht der Job. Nicht die Branche. Eine Person und eine ungelöste Dynamik. Hätte sie gekündigt, wäre sie das Problem nicht losgeworden, sondern hätte es höchstwahrscheinlich beim nächsten Arbeitgeber wiedergetroffen (in anderem Kostüm).

Manchmal ist der Hebel kleiner als du denkst. Und manchmal ist er größer. Beides ist okay zu wissen.

Weg 1: Bleiben und verändern (Job Crafting)

Job Crafting ist ein Konzept aus der Arbeitspsychologie, das beschreibt, wie du deinen Job aktiv mitgestaltest, statt ihn nur zu erdulden. Klingt fancy, ist aber eigentlich logisch: Du verhandelst, du gestaltest, du nimmst dir Räume.

Was du verändern kannst

Aufgaben. Welche Tätigkeiten geben dir Energie? Frag in deinem nächsten Mitarbeitendengespräch konkret: "Ich würde gerne mehr X machen und weniger Y. Wie könnten wir das hinbekommen?" Du wärst überrascht, wie oft das geht. Die meisten Führungskräfte wissen nicht, was du willst, wenn du es nicht aussprichst.

Verantwortungsbereich. Manchmal liegt die Lösung darin, dass du mehr Eigenverantwortung übernimmst. Ein Projekt leiten. Eine neue Initiative starten. Etwas aufbauen, das es vorher nicht gab. Das gibt dir Sinn und sichtbare Wirkung.

Bedingungen. Arbeitszeit, Homeoffice-Anteil, Reisetätigkeit, Bezahlung. Alles verhandelbar, wenn du es klug angehst und gute Argumente hast. Pro-Tipp: Mit Daten und Fakten ankommen, nicht mit "ich brauch das halt".

Beziehungen. Zu wem hast du Kontakt im Job? Welche dieser Kontakte geben dir Energie, welche kosten dich Energie? Kannst du dich gezielt in andere Konstellationen reinmanövrieren, dich aus toxischen Dynamiken rausziehen?

Bedeutungsrahmung. Wie erzählst du dir selbst, was du tust? Eine Studie zu Krankenhaus-Reinigungskräften hat gezeigt: Manche sahen sich als "Putzpersonal", andere als "wichtigen Teil der Heilung". Gleicher Job, völlig andere Erfahrung. (Disclaimer: Das ersetzt nicht echte Veränderung, aber es ist ein Werkzeug.)


Wann Weg 1 die richtige Wahl ist

•       Wenn du grundsätzlich noch Potenzial in deinem Job siehst

•       Wenn du ein Supportsystem in der Firma hast (gute Mentor:innen, faire Führungskraft)

•       Wenn du finanziell oder zeitlich gerade nicht für einen kompletten Wechsel aufgestellt bist

•       Wenn deine Energiefresser tatsächlich veränderbar sind (nicht alles ist es)

Wann Weg 1 nicht reicht

•       Wenn die Unternehmenskultur grundsätzlich krank ist

•       Wenn du schon mehrfach versucht hast zu verändern und es immer wieder gescheitert ist

•       Wenn deine Werte und die der Firma nicht mehr zusammenpassen

•       Wenn du in der Rolle ein Gefühl von "ich bin hier verbraucht" hast, das nicht mehr weggeht

Pro-Tipp: Verhandlungsgespräche vorbereiten

Job Crafting steht und fällt damit, wie du das Verhandlungsgespräch führst. "Ich brauch das halt" ist keine Argumentation, sondern eine Bitte. Was du brauchst, ist eine klare Struktur: Was willst du konkret? Welchen Nutzen hat das für die Firma? Welche Bedenken könnten kommen, und wie entkräftest du sie? Was ist dein Plan B, falls ein Nein kommt?

Wenn du dich vor solchen Gesprächen unsicher fühlst (was völlig normal ist, niemand wird damit geboren), ist eine Mentoring- oder Coaching-Session zur Vorbereitung Gold wert. Idealerweise mit jemandem, der den Spieß auch mal umdreht und dich im Rollenspiel challenget. Frauen werden in solchen Gesprächen statistisch nachweislich anders behandelt als Männer (Stichwort "likability penalty"), und es hilft, die Argumentationslinie und die eigene Haltung vorher mit jemandem durchzugehen.

Weg 2: Neuer Arbeitgeber, ähnliche Tätigkeit

Manchmal ist nicht das Was das Problem, sondern das Wo. Du kannst eigentlich gut, was du machst. Du machst es auch gern. Aber das Drumherum stimmt nicht: das Team, die Führungskultur, die Werte des Unternehmens, die Art und Weise, wie hier gearbeitet wird.

Dann ist Weg 2 deine Option. Du nimmst deine Skills, deine Erfahrung, deinen Lebenslauf und gehst damit zu einem anderen Arbeitgeber. Vielleicht in eine andere Branche, vielleicht in derselben. Aber inhaltlich bleibt das, was du tust, ähnlich.

Die kluge Variante: Parallel suchen

Die romantische Vorstellung: Du kündigst, nimmst dir drei Monate Auszeit, findest dich, und dann landest du im perfekten neuen Job. Die Realität: Drei Monate ohne Einkommen werden für die meisten Menschen unangenehm, der Arbeitsmarkt mag Lücken im Lebenslauf nicht (auch wenn das eigentlich Quatsch ist), und "sich finden" passiert selten auf der Couch.

Die kluge Variante: Du bleibst vorerst in deinem aktuellen Job. Daneben startest du den Suchprozess. Anstrengender, aber strategisch klüger.

Netzwerken. Kontakte aktivieren, neue knüpfen, mit Menschen sprechen, die schon dort arbeiten, wo du hinwillst. Informationsgespräche statt Bewerbungen. Auf Augenhöhe, nicht bittstellend.

Bewerbungen vorbereiten. Lebenslauf updaten, LinkedIn überarbeiten, Bewerbungsgespräche trainieren. Idealerweise auch Gehaltsverhandlung üben, da werfen Frauen leider immer noch zu oft Geld liegen.

Recherchieren. Kulturen vergleichen, Bewertungen lesen, mit ehemaligen Mitarbeitenden sprechen. Du willst nicht in dieselbe Falle nochmal tappen, nur in einer anderen Verpackung.

Finanzielles Polster aufbauen. Drei bis sechs Monatsgehälter auf der Seite zu haben, macht jeden Wechsel entspannter. Auch dann, wenn du am Ende nahtlos wechselst.


Das "Hin zu" konkretisieren

Aus Teil 3 kennst du das Prinzip: Du willst zu etwas hin, nicht von etwas weg. Aber das "Hin zu" muss konkreter werden, je näher du dem Wechsel kommst.

Schreib auf:

•       In welcher Branche willst du arbeiten?

•       In welcher Art von Unternehmen (Größe, Kultur, Werte)?

•       In welcher Rolle und mit welchen Aufgaben?

•       Mit welchem Gehaltsrahmen?

•       Mit welcher Arbeitszeit-Situation?

•       Mit welcher Art von Führung?

Je klarer dein Bild, desto leichter erkennst du eine passende Stelle, wenn sie auftaucht. Und desto besser kannst du im Bewerbungsgespräch artikulieren, warum du genau diese Position willst.

Eine Klientin im Mentoring hatte zwölf Monate erfolglos Bewerbungen rausgeschickt. Wir haben drei Sessions damit verbracht, ihr "Hin zu" zu schärfen. Vier Wochen später hatte sie zwei Angebote auf dem Tisch. Nicht weil der Markt sich verändert hat, sondern weil sie endlich präzise wusste, was sie sucht und kommunizieren konnte.

Wenn du das Gefühl hast, in dieser Phase einen Sparring-Partner zu brauchen: Mentoring kann hier wirklich ein Gamechanger sein. Jemand, der den Weg schon gegangen ist oder als Außenstehende auf deine Situation schaut, sieht Dinge, die du selbst nicht siehst. Bei Mind Distillery gibt's Mentoring-Pakete genau für solche Übergangsphasen, mit Notion-System für die Organisation, falls dich das interessiert.

Weg 3: Berufliche Neuorientierung

Es gibt einen Moment, der für viele Frauen Anfang oder Mitte 30 kommt: Du schaust auf deinen Beruf und merkst, dass du dort nie wirklich hingehört hast. Vielleicht hast du studiert, was deine Eltern wollten. Vielleicht bist du in einem Job gelandet, weil er gut bezahlt war, weil er sich logisch anschloss, weil er praktisch war. Aber er hat nie wirklich zu dir gepasst.

Oder du hast dich verändert. Was du mit 22 wolltest, ist nicht mehr das, was du mit 35 willst. Das ist erlaubt. Das ist sogar sehr gesund.

Weg 3 bedeutet: Du wechselst nicht den Arbeitgeber, du wechselst dein Berufsfeld. Komplett oder substantiell.

Was Weg 3 konkret heißt

Umschulung. Eine formale Umschulung in einen anderen Beruf, oft gefördert durch das AMS in Österreich oder die Agentur für Arbeit in Deutschland, je nach persönlicher Situation. Lohnt sich besonders, wenn du in deinem aktuellen Job arbeitslos geworden bist oder es droht.

Zweiter Bildungsweg. Studium, Lehre, Ausbildung neben oder nach dem aktuellen Job. Ja, auch mit 35, 40, 45 noch. Es gibt Menschen, die mit 50 ihre Approbation als Ärztin gemacht haben oder mit 42 ihren Master. Der Bildungsweg hat kein Verfallsdatum.

Quereinstieg. Du nimmst deine bestehenden Skills und kombinierst sie mit neuem Wissen, um in ein anderes Feld zu wechseln. Funktioniert besonders gut, wenn du Soft Skills mitbringst (Kommunikation, Projektmanagement, Führung), die in vielen Branchen gefragt sind.

Weiterbildung mit Branchenwechsel. Zertifikate, Diplome, kompakte Aus- und Fortbildungen, die dir den Einstieg in ein neues Feld ermöglichen. Coaching, Beratung, IT, Pädagogik, Gesundheit, Handwerk: alles möglich, alles erlernbar.

Was du dafür brauchst

•       Klarheit, wohin du willst (das "Hin zu" aus Teil 3)

•       Realistische Recherche: Was kostet die Ausbildung, wie lange dauert sie, was verdient man danach wirklich?

•       Finanzielle Planung: Wie überbrückst du die Phase der Ausbildung? Förderungen, Bildungskarenz, Bildungsteilzeit, AMS-Maßnahmen prüfen.

•       Familiäre Abstimmung: Mit Partner:in, Kindern, dem Umfeld besprechen. Eine Neuorientierung verändert nicht nur deinen Beruf, sondern oft auch das Familienleben.

•       Mut, am Anfang nochmal die Anfängerin zu sein. Das ist für viele Frauen in den 30ern und 40ern das Schwerste. Wieder etwas nicht zu wissen, wieder Fragen stellen zu müssen, wieder unten anzufangen.

Die Wahrheit über Neuorientierung

Es ist nicht romantisch. Es ist anstrengend. Du gibst Sicherheit auf, Routine, Status, oft auch Geld. Du investierst Zeit und Nerven. Und manchmal merkst du auf halber Strecke, dass die neue Richtung doch nicht passt, und musst nochmal korrigieren.

Aber: Es ist auch unfassbar erfüllend, wenn du am Ende ankommst. Eine Klientin von mir hat nach 8 Jahren Jus-Studium und 5 Jahren als Anwältin in die Erwachsenenbildung gewechselt (du erinnerst dich vielleicht aus Teil 3). Heute, fünf Jahre später, sagt sie: "Es war anstrengender, als ich gedacht hab. Und es war jeden einzelnen schwierigen Moment wert."

Wichtig: Weg 3 schließt Weg 4 nicht aus. Viele Frauen, die in die Selbstständigkeit gehen, kommen genau aus diesem Pfad: erst Neuorientierung, dann Selbstständigkeit im neuen Feld.

Weg 4: Selbstständigkeit

Selbstständigkeit ist nicht einfach "ich werd halt Coach" oder "ich verkaufe halt was auf Etsy". Es ist eine grundsätzlich andere Art zu arbeiten, zu leben, zu denken. Du tauschst Sicherheit gegen Selbstbestimmung. Du tauschst klare Strukturen gegen Gestaltungsfreiheit. Du tauschst Urlaubsanspruch und Krankenstand gegen die Möglichkeit, dein berufliches Leben selbst zu komponieren.

Das ist für manche genau richtig. Für andere genau falsch. Und für viele dazwischen ist es eine sehr persönliche Entscheidung, die mit den eigenen Umständen, Werten und Energien zu tun hat.

Was Selbstständigkeit konkret heißt

Solo-Selbstständigkeit. Du arbeitest allein, bietest deine Dienstleistung oder dein Produkt an. Beratung, Coaching, Design, Handwerk, Therapie, Programmierung. Du bist das Unternehmen, dein Name ist die Marke.

Nebenberuflich starten. Du behältst deinen Job und baust nebenher etwas auf. Das ist oft der vernünftigste Einstieg, weil du Daten aus der Realität sammelst, ohne sofort dein ganzes Einkommen aufs Spiel zu setzen. Voraussetzung: Dein Arbeitsvertrag erlaubt es, und du hast die Energie für beides.

Gründung mit Team. Du baust nicht nur dich selbst auf, sondern ein Unternehmen mit Mitarbeitenden. Mehr Reichweite, mehr Möglichkeiten, aber auch mehr Verantwortung und Komplexität. In den seltensten Fällen ein Startpunkt, eher ein späterer Schritt.

Mehrere Standbeine. Du kombinierst verschiedene Tätigkeiten, vielleicht sogar mit einer Teil-Anstellung daneben. Heute völlig legitim und für viele Frauen die realistischste Variante, besonders in der Familienphase.

Was du dafür brauchst

•       Eine Geschäftsidee, die ein Problem löst, das Menschen wirklich haben

•       Finanzielles Polster: mindestens sechs, besser zwölf Monate Lebenshaltungskosten

•       Bereitschaft, dich sichtbar zu machen, mit Namen, Position und Arbeit

•       Strukturen und Routinen, die du dir selbst baust (Anstellung gibt dir die, Selbstständigkeit nicht)

•       Frustrationstoleranz für die Anfangsphase, in der vieles unklar ist

•       Steuerberatung früh dazu holen, idealerweise schon vor der Gewerbeanmeldung

•       Ein Umfeld, das dich unterstützt, oder zumindest nicht aktiv sabotiert


Wann Weg 4 die richtige Wahl ist

•       Wenn du grundsätzlich gestalten willst und Strukturen, die andere für dich entworfen haben, dich einengen

•       Wenn du eine konkrete Idee hast, von der du überzeugt bist und mit der du echte Kund:innen ansprechen kannst

•       Wenn du Unsicherheit aushältst, ohne sofort in Panik zu verfallen

•       Wenn du finanziell eine Anlaufphase überbrücken kannst (oder ein:e Partner:in dich in dieser Zeit mitfinanziert)

•       Wenn dich Sichtbarkeit nicht abschreckt, sondern als Möglichkeit reizt


Wann Selbstständigkeit (noch) nicht passt

•       Wenn du gerade in einer akuten Lebenskrise steckst (Trennung, Trauer, Burnout)

•       Wenn dein Hauptmotiv "weg von" ist und nicht "hin zu". Aus Frust gegründet ist selten erfolgreich.

•       Wenn du finanziell extrem unter Druck stehst und sofort Geld brauchst

•       Wenn deine Idee noch eine vage Sehnsucht ist und du sie selbst nicht in zwei Sätzen erklären kannst

•       Wenn du Sicherheit über alles brauchst und schon bei zwei schlechten Monaten zusammenbrichst

Letzteres ist wichtig: "Verschieben" heißt nicht "aufgeben". Es heißt, erst die Bedingungen schaffen, unter denen Selbstständigkeit eine echte Chance hat. Wenn du gerade in akuter Krise bist, ist das nicht der Moment zu gründen. Wenn dein finanzielles Polster fehlt, baust du erst eins auf. Wenn deine Idee noch unklar ist, schärfst du sie. Selbstständigkeit ist auch in einem Jahr noch möglich.

Ein Wort zu Neurodivergenz und den vier Wegen

Ein Aspekt, der in klassischen Karriereberatungen viel zu selten Thema ist: Wenn du neurodivergent bist (ADHS, Autismus-Spektrum, Hochsensibilität, Twice Exceptional und so weiter), spielt das eine große Rolle bei der Wahl deines Weges.

Klassische Anstellung ist für viele neurodivergente Menschen ein dauerhafter Verbiege-Marathon. Das Maskieren, das Anpassen, das Aushalten von Reizen, die andere nicht mal wahrnehmen, das kostet enorm viel Energie. Und am Ende des Tages ist nichts mehr da fürs eigene Leben. Wenn du das kennst, lohnt es sich, die vier Wege nochmal durch diese Brille zu betrachten.

Was bei welchem Weg zu beachten ist

Weg 1 (Bleiben und verändern). Kann gut funktionieren, wenn dein Arbeitgeber wirklich flexibel ist. Achte auf konkrete Bedürfnisse: ruhiger Arbeitsplatz statt Großraumbüro, klare Strukturen statt ständig wechselnder Prioritäten, schriftliche Kommunikation als Alternative zu Calls, Homeoffice-Anteile. Wichtig: Diese Anpassungen möglichst klar formulieren, idealerweise schriftlich festhalten lassen. Eine offene Kommunikation über deine Bedürfnisse zahlt sich aus, auch wenn das vielleicht erst Überwindung kostet.

Weg 2 (Neuer Arbeitgeber). Recherchier sehr genau, bevor du wechselst. Eine schöne Website sagt nichts über die echte Kultur. Sprich mit aktuellen und ehemaligen Mitarbeitenden. Achte auf: Meeting-Kultur, Sensory Load (Lautstärke, Licht, Düfte), Flexibilität bei Arbeitszeit und Ort, Umgang mit Diversität. Und: Trau dich im Bewerbungsgespräch zu fragen, was dir wichtig ist. Wenn das schon dort als unangenehm aufgenommen wird, hast du eine klare Information.

Weg 3 (Berufliche Neuorientierung). Spannend, wenn der aktuelle Beruf strukturell schlecht zu deinem Hirn passt. Achte aber darauf, dass die Umschulung oder Ausbildung selbst keine Reizüberflutung wird. Vollzeit-Präsenzkurs in einer Gruppe von 30 Leuten kann ein Albtraum sein. Schau nach Online-Optionen, individualisierten Lernformaten, kleinen Gruppen. Plan auch genug Erholungsphasen ein, lernen kostet bei vielen neurodivergenten Menschen mehr Energie als bei neurotypischen.

Weg 4 (Selbstständigkeit). Oft die beste Option für viele neurodivergente Menschen, weil du die Rahmenbedingungen selbst gestaltest. Du arbeitest, wenn deine Konzentration da ist, in deiner Umgebung, in deinem Rhythmus, mit den Kund:innen und Themen, die zu dir passen. Der Verbiege-Faktor fällt zu großen Teilen weg. Aber Achtung: Selbstorganisation, Buchhaltung, Sichtbarkeit, das sind oft genau die Bereiche, in denen neurodivergente Menschen straucheln. Bau dir Strukturen und Hilfsmittel, die zu deinem Hirn passen, von Anfang an. Tools, externe Unterstützung, klare Routinen. Improvisieren funktioniert in der Selbstständigkeit nicht lange.

Was generell hilft

•       Hol dir Unterstützung von Menschen, die Neurodivergenz verstehen (Coach, Therapeut:in, Mentorin). Generisches Coaching, das deine Andersartigkeit nicht mitdenkt, kann sogar schaden.

•       Plane Erholungsphasen aktiv ein. Deine Energie ist endlicher als bei neurotypischen Menschen. Das ist keine Schwäche, das ist Biologie.

•       Akzeptiere, dass dein Weg vielleicht anders aussieht als der typische. Das ist okay. Mehr noch: Das ist deine Stärke, wenn du es zulässt.

•       Maskiere nur dort, wo es wirklich nötig ist. Nicht 24/7. Das frisst dich auf.

•       Selbstständigkeit ist kein Garantieschein für Glück, aber für viele neurodivergente Menschen eine ernsthafte Option, die sie sich erlauben dürfen zu prüfen.

Der 90-Tage-Plan, egal welcher Weg

Egal ob Weg 1, 2, 3 oder 4: Veränderung passiert nicht über Nacht. Aber sie passiert auch nicht, wenn du auf den perfekten Moment wartest. Hier eine grobe Struktur, die du auf deine Situation anpassen kannst.

Tag 1 bis 30: Klarheit schaffen

•       Energieprotokoll vier Wochen führen (siehe Teil 2)

•       Diagnostik-Fragen aus diesem Artikel beantworten

•       "Hin zu"-Bild konkretisieren: Werte, Aufgaben, Rahmen

•       Mit drei bis fünf Menschen sprechen, die schon dort sind, wo du hinwillst

•       Finanzen anschauen: Wie viel Polster hast du? Wie viel brauchst du realistisch?

Tag 31 bis 60: Optionen ausloten

•       Bei Weg 1: Mitarbeitendengespräch vorbereiten und führen, konkrete Wünsche formulieren

•       Bei Weg 2: Lebenslauf und LinkedIn überarbeiten, gezielt netzwerken, erste Stellen anschauen (auch wenn du dich noch nicht bewirbst)

•       Bei Weg 3: Ausbildungs- und Umschulungsoptionen recherchieren, Förderungen prüfen (AMS, Bildungskarenz, Stipendien), Gespräche mit Menschen führen, die im Zielberuf arbeiten

•       Bei Weg 4: Geschäftsidee schärfen, Business-Modell durchdenken, Markt prüfen

•       Skills-Lücken identifizieren und erste Schritte zum Schließen einleiten

•       Wichtig: noch nichts Endgültiges entscheiden, nur sammeln und lernen

Tag 61 bis 90: Entscheiden und ins Tun kommen

•       Auf Basis deiner Erkenntnisse entscheiden: Welcher Weg passt?

•       Bei Weg 1: Veränderungen im Job konkret umsetzen, Verhandlungen führen

•       Bei Weg 2: Bewerbungen rausschicken, Gespräche führen, verhandeln

•       Bei Weg 3: Anmeldung für Ausbildung, Umschulung oder Studium, Förderanträge stellen, Übergangsplan finalisieren

•       Bei Weg 4: Konkrete Gründungsschritte gehen (Gewerbeanmeldung, Steuerberatung, erste Angebote)

•       Wichtig: nicht alles auf einmal, ein Schritt nach dem anderen

90 Tage sind nicht magisch. Manche brauchen sechs Monate, andere ein Jahr. Aber 90 Tage sind ein guter Rahmen, um aus der Grübel-Paralyse rauszukommen und in die Bewegung zu kommen.

Was, wenn du es allein nicht schaffst?

Real Talk: Diese Prozesse sind anstrengend. Sie konfrontieren dich mit dir selbst. Sie zwingen dich zu Entscheidungen, die du lieber aufschieben würdest. Und sie passieren oft parallel zu allem anderen, das in deinem Leben gerade läuft (Familie, Beziehung, Wohnsituation, finanzielle Verpflichtungen).

Es ist nicht schwach, sich dabei Unterstützung zu holen. Es ist klug.

Was Unterstützung sein kann:

•       Eine Coachin oder Beraterin, die dir hilft, sortiert zu denken und klare Entscheidungen zu treffen

•       Eine Mentorin, die den Weg schon gegangen ist und dich strategisch begleitet (besonders hilfreich bei Führungs- und Karrierefragen)

•       Eine Community von Frauen, die in ähnlichen Situationen sind. Es gibt viele gute Räume online und offline.

•       Eine Therapeutin, falls die Sinnkrise tiefere Themen aufwirbelt, was sehr häufig passiert

Du musst nicht alles allein lösen. Sich Hilfe zu holen, ist kein Versagen. Es ist ein Werkzeug.

Eine konkrete Möglichkeit: Die Fempreneur Sprechstunde

Wenn du speziell mit dem Gedanken an Selbstständigkeit oder berufliche Neuorientierung spielst und konkrete Fragen loswerden möchtest, gibt es alle zwei Wochen die Fempreneur Sprechstunde. Eine kostenlose offene Q&A-Runde via Zoom, immer am zweiten Donnerstag um 19 Uhr, eine Stunde lang.

Worum es geht: Du kannst Fragen zu allem rund um Selbstständigkeit, Gründung, Branding, Pricing, Sichtbarkeit oder beruflicher Neuorientierung stellen. Auch wenn du noch ganz am Anfang stehst und nicht weißt, wo überhaupt anfangen. Auch wenn du schon ein bestehendes Business hast und in einer konkreten Frage feststeckst.

Du musst nichts vorbereiten, nicht Mitglied von irgendwas sein, nicht erklären, warum du da bist. Einfach reinkommen, zuhören oder fragen. Du kannst auch beliebig oft teilnehmen, viele Frauen kommen über Monate immer wieder. Es ist ein guter Ort, um Fragen zu klären, bevor du größere Schritte gehst, oder einfach um zu hören, was andere Frauen gerade beschäftigt.

Was jetzt kommt

Du hast jetzt das Repertoire:

•       Du erkennst die Signale (Teil 2)

•       Du kennst deine inneren Saboteure (Teil 3)

•       Du hast eine Strategie und konkrete Schritte (dieser Teil)

Im nächsten und letzten Teil schauen wir uns an, was nach der Sinnkrise kommt. Realistische Erwartungen. Wie du erkennst, ob du auf dem richtigen Weg bist. Echte Geschichten ohne Filter (auch die mit Umwegen, Rückschlägen und Wendungen).

Aber für heute: Such dir einen Weg aus diesem Artikel raus, der zu dir passt. Schreib dir die Diagnostik-Fragen auf. Mach den ersten Schritt deines 90-Tage-Plans. Heute. Nicht nächste Woche.

Veränderung passiert nicht durch das Lesen von Artikeln. Sie passiert durch das Tun. (Auch wenn das Tun manchmal nur ein einziger Anruf, eine einzige E-Mail oder eine einzige ehrliche Frage an dich selbst ist.)

Über die Autor:innen

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