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Virgil Abloh: Wie er die Modewelt neu definierte

Virgil Abloh, Off-White-Gründer und Kreativdirektor bei Louis Viutton, ist überraschend gestorben. Mit seinem ungewöhnlichen Zugang zu Mode hat er nie dagewesene Hypes ausgelöst. Und das, obwohl er eigentlich Architektur studiert hatte.

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Virgil Abloh: Wie er die Modewelt neu definierte
© Getty Images

Die Modeindustrie befindet sich seit Sonntag in einem Ausnahmezustand. Der Grund: Virgil Abloh, Gründer des Trend-Labels Off-White™ und künstlerischer Leiter von Louis Vuitton ist im Alter von 41 an den Folgen seines Krebsleidens gestorben. Für die internationale Modewelt kam das unerwartet: Abloh hatte die Krankheit, die 2019 diagnostiziert wurde, nie publik gemacht.

Die Flutwelle an Postings, die seit zwei Tagen in den sozialen Medien herrscht und einfach nicht weniger wird, macht deutlich, welch riesengroßen Einfluss Abloh eigentlich hatte. Er war nicht einfach ein Designer – er war ein Visionär. Ein Pionier, der neue Zugänge schuf und einer der wahrscheinlich größten Künstler unserer Zeit. Er revolutionierte die Modewelt. Und das, obwohl er nicht einmal Mode studiert hatte.

Der Beginn einer ungewöhnlichen Karriere

Aber von Anfang an: Virgil Abloh wuchs gemeinsam mit seiner Schwester und seinen Eltern, zwei Einwanderern aus Ghana, in einem Vorort von Chicago auf. In seiner Jugend fuhr er am liebsten Skateboard und interessierte sich für Musik. Von seiner Mutter, einer Schneiderin, lernte er die Grundsätze des Nähens. Sein Vater bestand auf eine gute Ausbildung. "Er hat mein Bauingenieurswesen-Studium ausgesucht", erzählte Abloh in einem Interview.

Nach dem Bachelor studierte er Architektur am Illinois Institute of Technology. Besonders fasziniert habe ihn die Verbindung von Praktischem und Ästhetik. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Architekt:innen, die auch in der Modeindustrie aktiv waren, zum Beispiel Rem Koolhas, der in Zusammenarbeit mit Miuccia Prada die faszinierende Welt der Fondazione Prada in Mailand erbaute.

»Menschen sind entweder so oder so. Ich bin beides.«

2009 machte Abloh ein Praktikum bei Fendi in Rom und kam der Fusionierung verschiedenster Bereiche so einen Schritt näher. Zur selben Zeit machte auch Rapper Kanye West (seit 2021 offiziell "Ye"), der sich zuvor schon in der Musikindustrie etabliert hatte, ein Praktikum bei dem renommierten Modehaus. Dort begann ihre Zusammenarbeit. "Ich habe ihnen 500 Dollar im Monat bezahlt", sagte der damalige CEO Michael Burke. "Ich war wirklich beeindruckt von den Ideen, die sie im Studio einbrachten. Sie waren disruptiv, im besten Sinne des Wortes."

Kurz darauf ernannte Ye Abloh zum Kreativdirektor seiner Agentur Donda. Er designte mehrere Albumcover, arbeitete auch mit anderen Musikern, darunter Jay Z oder Pop Smoke und war bis zum Schluss mit der Rap-Szene eng verbunden.

Erst Pyrex, dann Off-White™

Im Jahr 2012 gründet Abloh sein erstes Label namens Pyrex Vision. Hier zeigt sich erstmals sein unkonventioneller Zugang zu High Fashion: Er kauft Restbestände an Flanellhemden von Ralph Lauren um etwa 40 US-Dollar pro Hemd, bedruckt sie mit dem Wort "Pyrex" und der Zahl 23, eine Hommage an Basketball-Legende Michael Jordan. Die Hemden kosten 550 $ - und sind innerhalb weniger Minuten ausverkauft. "Das soll Mode sein?", fragten sich Kritiker. Doch Abloh war dafür bekannt, nach seinen eigenen Regeln zu arbeiten. Und es hat funktioniert.

Abloh schließt Pyrex nach nur einem Jahr (Fakes der Basketball-Shirts werden bis heute unter dem Namen "Pyrex Original" verkauft) und gründet Off-White™ 2013. Er kombiniert Streetwear mit Luxus, gespickt mit Einflüssen aus Kunst und Musik. Er kann und will sich nicht festlegen. "Menschen sind entweder so oder so. Ich bin beides", sagte er in einem Interview. Off-White™ bedeutet so viel wie "die Grauzone zwischen Schwarz und Weiß." Die ikonischen Anführungszeichen werden sein Markenzeichen. Seit 2014 ist die Show ein fixer Bestandteil der Paris Fashion Week.

Abloh eröffnet 2016 seinen ersten Concept Store in Tokyo. Dort gibt es einen Wasserspender und Trinkbecher mit dem Off-White™-Logo für die Besucher:innen – sie nehmen die Gratis-Becher mit nach Hause und verkaufen sie auf Resell-Plattformen weiter.

Alle wollen Off-White™

Das ist nur eins der unzähligen Indizien, WIE allgegenwärtig der Hype um Off-White™ ist. Abloh verändert die Art, Popkultur zu machen. 2017 kuratiert er Austellungen, bringt Songs heraus, arbeitet als DJ, eröffnet weitere Stores, kollaboriert mit Designer:innen und gewinnt bei den British Fashion Awards in der Kategorie "Urban Luxe Brand".

Trotz all diesen Errungenschaften ist sein größter Coup ein anderer: "The Ten", eine Partnerschaft mit Nike. Abloh interpretiert zehn der Klassiker neu, darunter den Air Force 1, und verleiht ihnen seine persönliche Note. Sein typischer "work-in-progress"-Style, Nähte, die Dekonstruktion von Elementen und natürlich die Anführungszeichen ziehen sich durch die Designs. Die Stückzahlen sind streng limitiert und innerhalb von Sekunden ausverkauft. Die Preise auf diversen Verkaufsportalen steigen ins Unermessliche.

(c) Nike

Auch Off-White™’s Kollaboration mit dem schwedischen Möbelriesen Ikea zählt zu den erfolgreichsten überhaupt. Die Teppiche waren ebenfalls binnen Sekunden ausverkauft – auf Ebay und Co. werden sie um mehrere tausend Euro gehandelt.

Auch Stars lieben die Marke

Auch vor den unterschiedlichsten Celebrities machte Off-White™ natürlich nicht Halt. So entwarf er die Nike-Kollektion für Tennisspielerin Serena Williams und designte außerdem das schwarze Tutu, das sie bei den US-Open 2018 trug. Ein Moment, der in die Geschichte einging.

Neben vielen anderen Custom-Designs war Abloh zudem für das Hochzeitskleid von Hailey Bieber verantwortlich. Ein Highlight war der Schleier mit der Aufschrift "Till Death Do Us Part" ("bis dass der Tod uns scheidet") – natürlich in der Signature-Schrift mit den Anführungszeichen.

Der erste Schwarze Designer an der Spitze von Louis Vuitton

2018, nach einer kreativen Umstrukturierung des LVMH-Konglomerats, übernahm Abloh zusätzlich zu seinen Tätigkeiten bei Off-White™ die künstlerische Leitung bei Louis Vuitton als Nachfolger von Kim Jones. Durch seine unkonventionelle sowie Hype-lastige Arbeit hat sich Virgil Abloh im Modeuniversum bereits davor nach ganz oben katapultiert.

Er war der erste Schwarze Designer in der Führungsposition des Pariser Traditionshauses. Damit wurde nicht nur ein weiterer Meilenstein in seiner persönlichen Karriere gesetzt – er wurde einmal mehr zum Hoffnungsträger der Black Community und zur Inspirationsquelle einer gesamten Generation.

"Als Schwarzer in einem französischen Luxushaus bin ich mir meiner Verantwortung bewusst. Anstatt darüber zu predigen, hoffe ich, mit gutem Beispiel voranzugehen und die Tür für zukünftige Generationen aufzuschließen. Ich glaube daran, mit Gelassenheit, Stil und Anmut meine Spuren zu hinterlassen", ist ein Auszug seines Manifests, das Abloh im Sommer zu seiner letzten LV-Menswear-Show geschrieben hatte. Dieses hatte Edward Enninful, Chefredakteur der britischen Vogue, übrigens bei den gestrigen British Fashion Awards ihm zu Ehren vorgelesen. Enninful sagte außerdem: "Als Vorreiter des Wandels kann die Wirkung seiner Arbeit nicht genug betont werden."

Seine erste Modenschau für Louis Vuitton fand im Juni 2018 auf einem regenbogenfarbenen Runway statt. Nach der Show fielen sich Abloh und Ye auf dem Laufsteg in die Arme.

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Abloh setzte sich auch außerhalb seines kreativen Schaffens für gesellschaftspolitische Zwecke ein, die ihm am Herzen lagen. So gründete er 2020 zum Beispiel seinen "Post Modern"-Stipendienfond als Antwort auf die Black Lives Matter-Debatte, um Schwarze Student:innen bei ihrer Ausbildung zu unterstützen.

Die gesamte Modewelt zollt ihren Tribut

Nachdem Ablohs Tod via Instagram und Twitter von seiner Familie (er hinterlässt seine Ehefrau Shannon und die zwei Kinder Lowe und Grey) bekanntgegeben wurde, wurden die sozialen Medien von einer Welle aus Trauer und Mitgefühl überflutet.

Tausende Postings von prominenten Freunden und Bewunderern machen deutlich, was für ein brillanter und gleichzeitig nahbarer Mensch Virgil Abloh gewesen sein muss. Pharell Williams, Giorgio Armani, Victoria Beckham, Drake, die Biebers, die Hadids und viele mehr posteten berührende Worte auf Instagram. "Wir sind alle schockiert über diese schreckliche Nachricht", schrieb Bernard Arnault, Geschäftsführer von LVMH. "Virgil war nicht nur ein genialer Designer und Visionär, sondern auch ein Mann mit einer wunderschönen Seele und großer Weisheit."

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