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"Es betrügt doch ohnehin jeder"

Antonio suchte trotz fixer Beziehung auf Tinder den sexuellen Kick. Schlechtes Gewissen? Fehlanzeige! Doch dann kam das böse Erwachen. Einer seiner heimlichen Geliebten wurde schwanger. Der Architekt möchte sein Leben nun auf einer Lüge aufbauen.

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Betrügen

LEBENSLÜGE. Antonio Santo muss für seine Untreue teuer bezahlen. Das Kind seiner heimlichen Kurzzeit-Affäre soll im Sommer auf die Welt kommen.

© Monika Saulich

Etwas verlegen winkt uns Antonio (Name von der Redaktion geändert) zu, als wir das Kaffeehaus in der Wiener Innenstadt betreten. Der erste Eindruck: ein mittelgroßer, schlanker, gepflegter Mann. Gut vorstellbar, dass viele Frauen ihn attraktiv finden. Sein Auftreten ist resolut, und eines möchte der 29-Jährige auch sofort loswerden: "Stellen Sie mich bloß nicht als gewissenloses Schwein dar. Das bin ich nämlich nicht." Mit seiner Geschichte wolle er im Gegenteil zeigen, dass Männer ebenso Opfer von Frauen werden können. Nicht nur umgekehrt. Dann sind wir mal gespannt...

EIN BLICK ZURÜCK. "Isabella und ich sind seit sieben Jahren ein Paar. Wir ticken ähnlich, haben gleiche Interessen, und ich kann mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Im Sommer wollen wir heiraten." Nur im Bett war eher Flaute, schafft sich Antonio gleich vorweg eine Entschuldigung für sein späteres Handeln. "Das hat von Anfang an nicht so gut funktioniert. Sie braucht kaum Sex, und wenn, dann sollte es möglichst schnell vorbei sein. Für mich sind drei Mal in der Woche normal, und ich experimentiere auch ganz gern."

Vor zwei Jahren fand Antonio eine für ihn praktische Lösung, nämlich außerhalb seiner fixen Beziehung nach dem sexuellen Kick zu suchen: "Ein Freund brachte mich auf die Idee. Er war auf unterschiedlichen Online-Portalen unterwegs und hat sich manchmal mit Frauen getroffen. Er schwärmte davon, wie easy das sei, keiner stellt Ansprüche, und nach ein, zwei Mal Sex geht jeder wieder seiner Wege." Antonio loggte sich auf Tinder ein. Natürlich mit falschem Namen und einer Comic-Figur als Fake-Profilfoto. Die Selbstbeschreibung - leidenschaftlicher Italiener - animierte tatsächlich einige zum Chatten.

CHATTEN. Antonio Santo suchte online nach Sexpartnerinnen. Auf Tinder wurde er schnell fündig: "Es betrügt doch ohnehin jeder."

Und für ihn war klar, worum "es" ging. Auf die Idee, jemand könnte mehr als Sex suchen, kam er gar nicht: "Die meisten Frauen hatten auch ein Fake-Profil, weil sie in einer Beziehung sind." Moralisch verwerflich findet er sein Verhalten bis heute nicht: "Ich weiß, dass Isabella die Frau meines Lebens ist, und wenn ich mit einer anderen Frau schlafe, ist das schnell wieder vergessen. Das ist einfach nur Sex. Die Gesellschaft ist doch so verlogen. Was meinen Sie, wie viele Frauen fremdgehen. Immer werden nur wir Männer als treulose Ungeheuer dargestellt, aber das ist doch längst nicht mehr so. Es betrügt doch jeder." Dass diese Rechtfertigung nicht auf seine Freundin Isabella zutrifft, spielt dabei für ihn offensichtlich keine Rolle.

GEFÜHLE WAREN NIE DABEI. Antonio verabredete sich zur ersten Kontaktaufnahme meist in einem Café: kurzes Abchecken, Wahl der Verhütungsmethode, und dann ging es schon zur Sache: "Oft sind wir zu ihr gefahren oder wir haben uns ein Hotelzimmer genommen. Meistens habe ich Kondome verwendet. Schon allein wegen diverser Krankheiten. Aber ja, wenn eine Frau mir versichert hat, die Pille zu schlucken, war ich nicht abgeneigt, es auch mal ohne Schutz zu machen. Es ist einfach geiler." Gefühle waren da nie dabei, beteuert der Architekt. Es war ein Spiel. Eines, nach dem er eine Zeit lang süchtig war, wie er zugibt. "Es war spannend, unbekannte Frauen zu treffen und mit ihnen ins Bett zu gehen."

Außerdem hätte er es ja auch nicht so oft getan, höchstens ein Mal in drei Monaten: "Meistens dann, wenn ich mit meiner Freundin gestritten hatte, dann war das schlechte Gewissen kleiner." Also fand er die Art, wie er seine erotischen Beziehungsprobleme löste, doch nicht so ganz okay... ?

Alles lief nach seiner Vorstellung, bis er im November letzten Jahres Jenny traf. "Sie hat mir nicht einmal besonders gut gefallen." Nach halbstündigem Kennenlernen fuhren die beiden in die Wohnung der Kindergärtnerin: "Vorher versicherte sie mir, dass sie die Pille nimmt." Der Sex war gut, so gut, dass man sich erneut für den nächsten Abend verabredete. "Danach sagte ich, dass es das jetzt war und wünschte ihr noch viel Glück. Sie reagierte gleichgültig."

"WIR MÜSSEN REDEN." Drei Monate lang hörte Antonio nichts mehr von ihr, dann kam das böse Erwachen: "Mitte Jänner erhielt ich plötzlich eine Mail in mein Büro, von Jenny. Sie hat nur einen Satz geschrieben: ,Wir müssen reden.'" Er war perplex: "Ich konnte mir nicht erklären, woher sie meine Firmenadresse hatte und meinen richtigen Namen kannte." Nur, dass er in einem Büro arbeitet, will er erzählt haben. Antonio bekam Angst, dachte, dass sie ihn erpressen wolle. Er lehnte ein Treffen ab. Sie solle ihm schriftlich mitteilen, was so dringend sei. "Jenny war aber hartnäckig, schrieb mir täglich, dass sie mir das nur persönlich sagen kann." Also gab er nach: "Ich dachte, was immer es ist, so lässt sie sich schneller beruhigen und gibt endlich Ruhe."

Die Freude machte die Wienerin Antonio nicht. Sie eröffnete ihm, dass sie von ihm schwanger sei. "Ein Schock. Ich habe wirklich null damit gerechnet. Sie sagte nur, dass sie selbst nicht wisse, wie das passieren konnte, aber jetzt sei es nun mal so. Und dann kam sofort, dass sie auf Alimente bestehen muss, da sie selbst nicht viel Geld hat und ich ja offensichtlich zahlungskräftig bin." Der gebürtige Italiener ist sicher, dass er vorsätzlich hereingelegt wurde: "Bei unserem ersten Treffen wollte sie genau wissen, wie ich lebe. Ich antwortete nur vage, aber anscheinend offen genug, um als finanziell potenter Vater eingeschätzt zu werden." Wie sie seinen echten Namen herausfinden konnte? Er vermutet, dass Jenny ihn heimlich fotografiert hat und per Google-Images-Suche auf seinen Facebook-Account gestoßen ist. "Oder sie hat, während ich unter der Dusche war, in meiner Tasche meinen Ausweis gefunden."

HEIMLICH VATER SEIN. Im Juli soll das Kind auf die Welt kommen, im selben Monat will Antonio seine Freundin heiraten. "Eine Scheiß-Situation! Erzählen werde ich Isabella nichts", verdrängt er die Probleme. "Ich weiß, dass sie mich verlassen würde. Jetzt hole ich mir einmal rechtlichen Rat ein." Nach der Geburt will er als Erstes einen DNA-Test machen lassen."Wenn ich der Vater bin, übernehme ich die Verantwortung. Ich zahle und möchte das Kind auch sehen, aber nicht zu fixen Zeiten. Und ich werde versuchen, mich mit der Mutter zu einigen, dass ich keinesfalls in der Geburtsurkunde als leiblicher Vater angegeben werde. Das kostet natürlich alles viel Geld. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Wahrscheinlich ist es naiv, zu glauben, dass meine Freundin nie dahinterkommen wird. Ich wollte ja immer Kinder, aber eben mit Isabella."

Antonio beteuert, dass Fremdgehen jetzt für ihn erledigt ist, und zeigt auch erste Anzeichen von Reue: "Mein Verhalten war vielleicht letztklassig." Doch der Nachsatz kommt gleich: "Aber ich habe zumindest niemandem wissentlich weh getan. Wir Männer werden oft als notorische Fremdgeher dargestellt, die Frauen nur ausnützen. Wie man sieht, passiert das umgekehrt genauso. Frauen können Männer so leicht hintergehen und ihnen ein Kind anhängen, für das man dann sein Leben lang zahlen und Verantwortung übernehmen muss."

Rechtslage:

Rechtsanwältin Mag. Katharina Braun (rechtsanwaeltin-braun.at) erklärt die rechtliche Situation:

Wenn ein Mann der Frau vor der Eheschließung verschweigt, dass er bereits ein Kind hat, stellt dies einen Scheidungsgrund dar. Der schuldig Geschiedene muss dann entweder dem anderen Ehepartner lebenslang Unterhalt zahlen bzw. wenn er derjenige wäre, der weniger Einkommen hat, verliert er das Recht auf Unterhalt. Immer wieder kommt es vor, dass in der Geburtsurkunde „Vater unbekannt“ steht, der biologische Vater jedoch (oft mittels Notariatsakt) Kindesunterhalt bezahlt.

Ein Mann, der rechtlich nicht als biologischer Vater anerkannt ist, hat jedoch nicht die Möglichkeit sich ein Kontaktrecht zu erstreiten. Immer wieder kommt es vor, dass sehr wohl aber eine Beziehung zwischen Kind und Vater zustande kommt, wobei das Kind oft glaubt, dass es sich um einen Freund der Familie handelt. Fälle wo der echte Vater nicht offiziell ist: Dornenrosenkinder (Vater: Priester), Vater verheiratet mit anderer Frau, oder auch Mutter verheiratet mit jemand anderem (Kuckuckskinder).

Oft fliegt die falsche Vaterschaft durch einen „blöden“ Zufall auf. Zum Beispiel, im Zuge einer Erkrankung, wenn eine Organspende benötigt wird oder die Blutgruppe des vermeintlichen Vaters mit der eigenen überraschenderweise nicht kompatibel ist. Immer wieder kommt es vor, dass nach dem Tod plötzlich verschwiegene Kinder auftauchen. Das ist auch der Grund warum viele reiche Männer ein DNA-Gutachten hinterlegt haben … damit nach seinem Ableben nicht falsche Erben auftauchen. Mütter müssen sich auch bewusst sein, dass sie, wenn sie keinen Vater angeben – wozu sie grundsätzlich nicht verpflichtet sind – keinen Unterhaltsvorschuss vom Staat bekommen.

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Rechtsanwältin Mag. Katharina Braun

Kommentare

Julia Gürtler

Ungeschützter Sex mit wildfremden Personen - da ist ein Kind noch das kleinste "Übel" das ihm passieren konnte. Bei soviel Dummheit weiß man gar nicht ob man lachen, weinen oder mit der Faust gegen die Wand schlagen soll. Nachhilfe in Verhütung und ein bisschen Selbstreflexion würde dem Herren nicht schaden.