
Wie findet man Sinn in einer Welt, die aus den Fugen geraten scheint? Autorin Tamara Dietl spricht über Überforderung und Hoffnung – und darüber, warum ein gutes Leben mehr mit Haltung als mit Glück zu tun hat.
Dass das Leben selten planbar ist, weiß Autorin Tamara Dietl aus eigener Erfahrung. Die Hamburgerin hat sich als Beraterin für den konstruktiven Umgang mit Krisen einen Namen gemacht – nicht zuletzt, weil sie selbst mehrere schwere Schicksalsschläge erlebt hat. Innerhalb weniger Jahre verlor sie ihre Mutter, ihren Vater und ihre große Liebe, Kultregisseur Helmut Dietl („Monaco Franze“, „Kir Royal“, „Schtonk!“). Das Paar heiratete 2002 und lebte überwiegend in München. Während seiner schweren Krankheit begleitete sie ihn eng – nach seinem Tod 2015 verarbeitete sie diese Zeit in Büchern und Vorträgen. In ihrem neuen Buch, „Die Seele bleibt Fußgänger“ (btb Verlag), erzählt Tamara Dietl von ihrer bemerkenswerten Lebensreise und denkt darüber nach, worauf es jetzt ankommt: in einer Gegenwart, in der vielen die Orientierung abhandengekommen ist. Wir baten sie um ein Gespräch.
Frau Dietl, Ihr 62. Geburtstag liegt gerade hinter Ihnen. Sie schreiben davon, wie schwer es Ihnen in den vergangenen Jahren gefallen ist, diesen Tag zu feiern – zwischen Trauer, Erschöpfung und krisenhafter Weltlage. Wie war es diesmal?
Die Lebenserfahrung durch das fortschreitende Alter ist ein Geschenk – vorausgesetzt, man hat reflektiert gelebt. Gleichzeitig lassen Energie und Kraft nach. Damit habe ich am Anfang sehr gehadert. Ich musste lernen, das nicht als Defizit zu sehen, sondern als Einladung zur Entschleunigung. Aber ich habe einen herrlichen Geburtstag gefeiert auf Schloss Elmau bei einem politischen Symposium über den Zustand der Welt. Das ist im Moment mein großes Lebensthema: Wie leben wir ein gelingendes Leben in einer Welt im Wandel?
Woran merken Sie persönlich, dass Ihr Leben stimmig ist?
Ein gelingendes Leben ist für mich ein sinnvolles Leben. Das ist etwas anderes als ein glückliches Leben. Glück als Selbstzweck funktioniert nicht.
Wie meinen Sie das?
Es wird uns nie gelingen, Unglück aus dem Leben auszuschließen. Wenn wir aber nicht mehr fragen, was das Leben uns schuldet, sondern was wir dem Leben anbieten können, verschiebt sich unsere Perspektive. Es geht nicht darum, dass es mir gut geht. Es geht darum, dass ich für etwas gut bin. Der Sinn macht uns in seiner Folge glücklich – nicht umgekehrt.
Innerhalb weniger Jahre haben Sie Ihre Mutter, Ihren Vater und Ihren Mann, Regisseur Helmut Dietl, verloren. Wie haben diese Verluste Ihr Denken verändert?
Getragen hat mich die Erkenntnis, dass der Tod zum Leben gehört – dass alles Werden und Vergehen ist. An meine Grenzen brachte mich aber nicht nur der Verlust, sondern meine eigene Überforderung. Ich habe lange funktioniert, keine Pausen zugelassen, mich selbst übersehen. Das beschreibe ich als „Burn on“: nicht ausgebrannt, sondern dauerhaft überdreht. Ein rasender Stillstand. Erst als ich gezwungen war, innezuhalten – paradoxerweise auch durch die Pandemie –, habe ich begriffen, dass Regeneration kein Luxus ist, sondern Voraussetzung. Resilienz bedeutet nicht, immer stark zu sein. Sie bedeutet, zu wissen, wann man innehält.
Sie sind ausgebildete Sinn- und Wertecoachin nach Viktor Frankl. Er sagt: „Es gibt keine Situation, in der das Leben aufhören würde, uns eine Sinnmöglichkeit anzubieten.“ Warum übersehen wir diese so häufig?
Weil wir erwarten, dass das Leben uns etwas zu bieten hat, anstatt zu begreifen, dass der Sinn es ist, der uns glücklich macht. Sinn bedeutet, einen Beitrag zu leisten für eine bessere Welt, die größer ist als das eigene Ego.
Sie sagen, Sie haben sich mit Ihrem neuen Buch Ihren Platz in der Welt „erschrieben“ …
Ich fühlte mich vor einiger Zeit zu meiner eigenen Überraschung von dem krisenhaften Zustand der Welt überwältigt, obwohl ich ja eigentlich Krisenexpertin bin. Ich habe gemerkt, dass ich angesichts der Weltlage weder ohnmächtig noch allmächtig bin. Ich kann meinen Beitrag leisten: konkret, im Kleinen, jeden Tag. Aber ich kann die Welt nicht retten. Diese Unterscheidung war befreiend. Das Buch war für mich Trostpflaster und politischer Akt zugleich. Die Form des Selbstgesprächs hat mir erlaubt, mich ehrlich zu fragen: Wie will ich leben? Wie will ich handeln? Diese persönliche Suche öffentlich zu machen, ist in gewisser Weise auch politisch.


Ein persönliches und zugleich philosophisches Buch von Tamara Dietl über Verlust, Krisen und darüber, wie ein Leben gelingen kann. btb, € 21,50.


LEBENSPARTNER. Mit dem 2015 verstorbenen Regisseur Helmut Dietl (bekannt u. a. für die Kultserie „Monaco Franze“) war Tamara Dietl 13 Jahre verheiratet. Das Paar hat eine gemeinsame Tochter.
© Getty ImagesIris Berben beschreibt Ihr Buch als eine Einladung, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen. Welche Frage stellen Sie sich selbst derzeit am häufigsten?
Wie ich mich engagieren kann – für eine gerechtere, freie Welt, die gerade von so vielen Regressionen geprägt ist. Und wie wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Demokratie nicht etwas ist, das uns auf dem Silbertablett serviert wird, sondern etwas, für das wir aktiv eintreten und das wir schützen müssen.
Warum sind für Sie die beiden etwas sperrigen Wörter „Ambivalenz- und Ambiguitätskompetenz“ Schlüsselbegriffe unserer Zeit?
Weil wir in einer Welt leben, in der es kein klares „Entwederoder“ mehr gibt. Unterschiedliche Perspektiven können gleichzeitig wahr sein. Das erzeugt Spannung. Ambiguität bedeutet Mehrdeutigkeit. Ambivalenz beschreibt die widersprüchlichen Gefühle, die daraus entstehen. Die Fähigkeit, diese Spannung auszuhalten, ohne sie vorschnell auflösen zu wollen, ist eine zentrale Kompetenz des 21. Jahrhunderts. Das gilt besonders im Hinblick auf digitale Transformation und künstliche Intelligenz. Diese Technologien sind hoch ambivalent: Ihr Potenzial ist enorm, ihre Risiken ebenso. Wer nur schwarz oder weiß denkt, wird daran scheitern. Wer Ambivalenz aushält, gewinnt Gestaltungsspielraum.
Ganz konkret: Wie gelingt es, all die Umwälzungen unserer Zeit nicht als Bedrohung, sondern als Realität anzunehmen?
Das beginnt bei einfachen Übungen für den Körper, führt über bewusste Atmung und Meditation bis zu einer grundlegenden Haltung: vom Leben nichts zu erwarten, sondern auf das zu antworten, was es uns anbietet. Dieser Perspektivenwechsel kann helfen, Unsicherheiten unserer Zeit nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als neuen Normalzustand zu akzeptieren.“
Woran glauben Sie heute nicht mehr?
Dass Optimismus und Pessimismus die richtigen Kategorien für den Blick auf die Zukunft sind. Das ist mir beim Schreiben des Buchs klar geworden. Ich entscheide mich stattdessen für Hoffnung, so wie sie Václav Havel definiert hat: Hoffnung ist weder Optimismus noch die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht. Sie ist die Gewissheit, dass etwas Sinn macht – egal, wie es ausgeht.









