Nils Strunk: Popstar im Theater

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Nils Strunk

©Apa-Images/ Kurier/ Wolfgang Wolak

Er ist eine Hit-Maschine: Burgschauspieler Nils Strunk inszeniert, komponiert, spielt – und sorgt für ausverkaufte Abende. Dabei kann er nicht einmal Noten lesen! Warum in seiner Arbeit musikalisch trotzdem die Post abgeht? Das Porträt.

Dieser Mann ist ein Phänomen. Er ist so schwer beschäftigt, dass er tageweise einfach nicht erreichbar ist. Für nichts und niemanden! Komplett abgetaucht – so scheint’s zumindest. Sogar seine Pressesprecherin muss dem Vermissten in den Probepausen auflauern, um ihm ein Lebenszeichen abzuringen. Nils Strunk: Theatermagnet, Publikumsliebling, Burgtheater-Ensemblemitglied. Er spielt, komponiert, macht Musik und führt Regie. Zurzeit probt er – nonstop! – für „Wir sind noch einmal davongekommen“ von Thornton Wilder in der Regie von Burgtheater-Intendant Stefan Bachmann. Mit dabei sind Nicholas Ofczarek, Caroline Peters und Stefanie Reinsperger, das Stück läuft ab 20. März auf der Burgtheater-Bühne.

„Ich arbeite zurzeit an etwa acht Projekten. Das klingt viel, ist es auch. Manches liegt noch weit in der Zukunft, anderes hätte schon vorgestern fertig sein müsen“, gesteht Nils Strunk, der in Lübeck aufgewachsen ist und in Berlin an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch studiert hat. Was das gestresste Multitalent gerade umtreibt? „Überforderung. Aufbruch, Neuordnung, das Überprüfen meiner bisherigen Angewohnheiten. Vor allem aber bin ich dankbar“, beschreibt er seinen aktuellen Gemütszustand. Strunk findet seine Ruhe im Tun. Im Vieltun. „Wenn Leute sagen, ich rede zu schnell, sage ich immer: Du hörst zu langsam zu!“, so Strunk in einem Gespräch mit C/O-Vienna. Mit seinen 34 Jahren hat er längst eine Spur durch die deutschsprachige Theaterlandschaft gezogen: Münchner Residenztheater, Volksbühne Berlin, Düsseldorfer Schauspielhaus. Regiedebüt am Badischen Staatstheater Karlsruhe. 2021 wurde Strunk vom Wiener Burgtheater ins Ensemble geholt, wo er mit seinem Musiker-Buddy Lukas Schrenk die „Zauberflöte“ als poppiges, lustig-schräges Revuetheater neu erfand und damit einen durchschlagenden Erfolg einsackte. Die „Schachnovelle“ ist ebenfalls seit dem ersten Tag ausverkauft, und das Musical „Gullivers Reisen“ machte das kreative Regietalent zu einem „Spektakel für alle“ – wieder ein Publikumsmagnet. Übrigens: Schrenk und Strunk, das ist ein unzertrennliches Dreamteam seit den Studientagen an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Er könne sich überhaupt nicht mehr vorstellen, irgendwas „ohne den Lukas zu machen“, sagt er. Man glaubt es ihm sofort. Gemeinsam entwerfen, adaptieren und inszenieren die beiden einen Bühnenhit nach dem anderen.

Ich arbeite zurzeit an etwa acht Projekten. Manches hätte schon vorgestern fertig sein müssen.

Nils StrunkSchauspieler

Vollgas, aber auf lustig

Strunks Arbeiten werden als „Garant für Good Vibrations“ beschrieben. Theater soll einfach wieder mehr Spaß machen, so lautet seine Mission, die strikte Trennung von Musik-und Sprechtheater hält er für überholt. Gerade jetzt, in Zeiten der multiplen Krisen, die auf uns einwirken, werden Konzert-und Theaterräume, in denen man Handys ausschaltet, so wertvoll. „Irgendwann sind es vielleicht die letzten Stunden neben dem Schlaf, in denen wir nicht online sind“, bringt es der Entertainer auf den Punkt. „Wir sind an Schnelligkeit und gute Pointen gewöhnt. Buntes Treiben, Witz, Überforderung – um da mitzuhalten oder dagegen zu gehen, wird szenisches Handwerk wieder wichtiger. Auch weil viel Theater so verkopft ist.“ Strunk denkt durch und durch musikalisch – und das, obwohl er selbst nicht einmal Noten lesen kann. Seine Melodien komponiert und spielt er grundsätzlich „aus dem Kopf“, was ihn gleichzeitig „beschränkt und beflügelt“. Woher seine Faszination fürs Musikmachen kommt? „An meiner Schule gab es große Theater-und Musicalgruppen, die fast ausschließlich eigenständig von Schülern oder ganz tollen Lehrern geleitet wurden. Da konnte und musste man alles selber machen, das fand ich klasse. Es gab dort viel Vertrauen, Verantwortung und kaum Grenzen zwischen Musik und Theater, es war die pure Kreativität“, erinnert er sich. So richtig klick gemacht hat es dann bei seinem Zivildienst an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. „Da war unendlich viel Zauber“, schwärmt er. Zu seinen Vorbildern zählt er den Meister des Gegenwartskinos Wes Anderson und Hollywood-Legende Billy Wilder. Von ihnen habe er sich abgeschaut, wie die Regie „Musik in eine Tempomaschine“ umwandeln könne. Und rasant und unterhaltsam geht es in allen Stücken zu, bei denen Strunk an den kreativen Schalthebeln sitzt.

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Nils Strunk

Nils Strunk auf der Bühne: „Wir sind noch einmal davongekommen“ ist ab 20.3. im Burgtheater zu sehen. Für die Festspiele Reichenau (1.7. bis 2.8.), die heuer 100-jähriges Bestehen feiern, schreiben Nils Strunk und Lukas Schrenk eine Neuauflage der „Fledermaus“. Los geht’s am 1.7. Und im Theater Akzent ist „Ludwig XIX.“ noch am 26.3., 7.4. und 12.5. zu sehen, die „Schachnovelle“ an der Burg wird u. a. am 28.3. gezeigt.

 © Foto: Tommy Hetzel

„Zum Kotzen“

Kunst braucht ein Publikum. „Ein Publikum, dem sie gefällt, sonst ist irgendwann Schluss mit Subventionen“, findet er. Strunk weiß, dass er mit solchen Aussagen aneckt. Zumindest in der internen Kulturbubble: „Mein Theater gefällt dem imaginären, also dem theaterinternen Markt nicht. Zu der ‚Zauberflöte‘, die nach Minuten ausverkauft war, sagte ein Dramaturg nur: ‚Glückwunsch. Schöner Publikumserfolg.‘ Da schwingt so dieser elitäre Glaubenssatz mit, dass es keine wirkliche Kunst sein kann, wenn es einem breiten Publikum gefällt. Das fand ich zum Kotzen. Aber ich reg mich da auch viel zu oft drüber auf, anstatt es einfach abtropfen zu lassen. Das kann ich leider nicht.

Strunk liebt es, im Mittelpunkt zu stehen, und braucht „die volle Aufmerksamkeit, um arbeiten zu können“. Auf der Schauspielschule wurde er sehr regelbewusst erzogen, und wenn bei den Proben alle auf ihre Laptops und Handys schauen, möchte der deutsche Künstler am liebsten gehen. „Schauspieler, die behaupten, nicht gerne im Mittelpunkt zu stehen, finde ich albern. Meine Energie, die sonst in alle Richtungen sprudelt, wird auf der Bühne gebündelt, weil mir bei jedem Schritt, den ich mache, Tausende Menschen zusehen. Ich habe das Publikum ,an den Gedärmen‘, wie man so schön sagt. Das ist das größte Geschenk für mich“, schwärmt er.

Da passt es so irgendwie gar nicht, dass der Publikumsliebling Kritiken über seine Arbeit komplett ignoriert. Wie ihm das gelingt? „Lukas Schrenk und ich haben eine Wette mit sehr hohem Einsatz. Die will ich nicht verlieren. Und wir haben es uns versprochen.“ Den aufkommenden Hype um seine Person sieht Strunk entspannt. Womöglich hat er diesen noch gar nicht mitbekommen?

Na ja, nicht ganz: „Ich weiß nicht, ob es einen Hype gibt. Aber ich freue mich natürlich tierisch, wenn unsere Arbeiten angeschaut und wahrgenommen werden. Mein Job macht einfach unendlich viel Spaß. Schöner geht’s ja nicht, oder?“

Ich weiß nicht, ob es einen Hype gibt. Aber ich freue mich tierisch, wenn unsere Arbeit wahrgenommen wird.

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